Endstation Meer?

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Text: Claudia Simone Hoff, 18.07.2012


Plastik ist überall. Seit den fünfziger Jahren sind Zahnbürsten, Stühle, Flaschen und Tüten aus dem unverwüstlichen Material unsere täglichen Begleiter. Auch für die Anwohner von Kamilo Beach auf Hawaii. Dort allerdings sitzen sie nicht auf Spritzgussstühlen, trinken aus PET-Flaschen oder tragen ihr Hab und Gut in Plastiktüten umher – nein, am Kamilo Beach werden Unmengen des gleichermaßen praktischen, wie fast unvergänglichen Materials an den weißen Sandstrand geschwemmt, so dass an Badevergnügen nicht mehr zu denken ist.


Die Ausstellung Endstation Meer? Das Plastikmüll-Projekt im Zürcher Museum für Gestaltung macht auf dieses ökologische Desaster aufmerksam. Neben einer beeindruckenden Installation mit allerlei Plastik-Strandgut werden dem Besucher in den Räumen des Museumsbaus aus den dreißiger Jahren neben gesammeltem Plastikmüll aus den Weltmeeren auch erschreckende Fakten zum Thema Plastik(-müll) vor Augen geführt. Die Kuratoren der Ausstellung wollen jedoch nicht nur erschrecken, sondern gleichzeitig zum Nachdenken anregen: über die Verwendung und Verschwendung von Produkten aus Kunststoff, aber auch über Lösungsansätze dieses globalen Problems. Diese können auf eine einfache, jedoch nicht ganz so einfach umzusetzende Formel gebracht werden: Reduzieren, Umnutzen und Wiederverwerten.

Mülldeponie im Ozean

Aber zurück zum Kamilo Beach. Der Grund für das ökologische Desaster im Pazifik ist leicht auszumachen, liegt die Inselgruppe von Hawaii doch genau zwischen zwei teppichartigen Anhäufungen von Schwemmgut. Diese sind bekannt geworden unter dem Namen The Great Pacific Garbage Patch. Zuweilen werden sie aufgrund ihrer gigantischen Ausmaße auch sarkastisch als „siebter Kontinent“ bezeichnet. Denn allein die westliche der zwei Schwemmgut-„Wolken“ ist bis zu zehn Meter tief und viermal größer als die Fläche Deutschlands. Gefüllt sind diese „Wolken“ mit etwa drei Millionen Tonnen Plastik, das sich nach und nach in immer kleinere Teile aufbricht. Erdrotation, Windbewegungen, Topografie des Meeresgrunds sowie Druck-, Temperatur- und Salzgehaltunterschiede verursachen großräumige Strömungen, die das Schwemmgut dann durch das Meer bis an die Strände wie Kamilo Beach treiben.

Vom Meer in den Magen

Kunststoff ist biologisch nicht abbaubar. Und doch werden jährlich über 250 Millionen Tonnen davon produziert. Große Teile des gesamten Plastikmülls – nach Schätzungen etwa 80 Prozent – gelangen vom Land über Bäche und Flüsse bis ins Meer. Aber nicht nur, dass Meer und Strände zunehmend verschmutzt, Vögel und Meerestiere verletzt werden oder gar verenden – der Plastikmüll landet auch in unserer Nahrungskette. Laternenfische beispielsweise nehmen die kleinsten Plastikteile zu sich, weil sie den Unterschied zwischen Plastik und ihrem Hauptnahrungsmittel Plankton nicht erkennen können. Und so gelangen Kunststoffe auch in die Mägen von Thunfischen, Makrelen und Schwertfischen, weil die sich wiederum von Laternenfischen ernähren. Keine wirklich schöne Vorstellung also, dass auf unseren Tellern Thunfischsteaks serviert werden, die mit giftigen Stoffen kontaminiert sind.

Ein beliebtes Material

Und dabei ist die anhaltende Beliebtheit der gängige Kunststoffe Polyethylen, Polypropylen, PVC, Polystyrol, PET oder Polyurethan ganz einfach zu erklären: Sie können günstig produziert werden, haben ein geringes Gewicht, sind säureresistent und biegsam. Allerdings werden für die Herstellung synthetischer Kunststoffe nicht erneuerbare fossile Rohstoffe wie Erdöl, Kohle oder Erdgas benötigt. Schon allein deshalb – und weil der Kunststoffverbrauch noch immer wächst –, sollte der eigene Konsum überdacht werden. Macht sich das gute alte Einkaufsnetz nicht sowieso viel besser beim Shoppen als die schnöde Plastiktüte – wovon übrigens weltweit jährlich 600 Milliarden Stück hergestellt werden – oder ist der Latte macchiato beim Zeitungslesen im Lieblingscafé nicht schöner als ein eilig mitgenommener Coffee to go im Plastikbecher? Neben den Verbrauchern sind es jedoch vor allem die Designer und Hersteller, die gefordert sind. Sind sie es doch, die über den Einsatz von Materialien und Herstellungstechniken entscheiden.

Von Downycling und Upcycling

Spricht man über das Thema Plastikmüll in den Ozeanen, darf das Thema Recycling nicht fehlen. Die gute Nachricht zuerst: Auch Kunststoff kann recycelt werden. Die schlechte Nachricht gleich hinterher: Das hört sich einfacher an als es ist. Denn sortenreines Material ist nur schwer herzustellen – meist findet deshalb ein sogenanntes Downcycling statt. Hier wird die ursprüngliche Qualität des Kunststoffs vermindert, weshalb dieser dann nicht überall einsetzbar ist. Beliebtes Einsatzgebiet des so gewonnenen Regranulats ist die Produktion von Gießkannen, Parkbänken, Schallschutzwänden oder Behältern. Dem Downcycling gegenüber steht das Upcycling, wodurch ein neues, hochwertiges Produkt entsteht. Bestes Beispiel dafür sind die Taschen und Accessoires aus gebrauchten Lkw-Planen und Anschnallgurten, die sich die Schweizer Brüder Daniel und Markus Freitag 1993 ausgedacht haben. Eine genial-einfache und inzwischen oft kopierte Idee: Jetzt überschwemmt uns der Kunststoff wenigstens in Form von kunterbunten Taschen wie Lessie, Rex oder Leo.  


Weitere Informationen

Die Ausstellung Endstation Meer? Das Plastikmüll-Projekt findet bis zum 23. September 2012 im Museum für Gestaltung Zürich statt. Ganz umweltschonend gibt es keinen Ausstellungskatalog aus Papier, sondern stattdessen eine eigene Website zur Ausstellung:

PlasticGarbageProject

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