Fragile Grenzgänger – Die Euroluce 2009

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Text: Norman Kietzmann, 06.05.2009


Die 25. Ausgabe der Lichtmesse Euroluce hat vom 22. bis 27. April 2009 erneut für Abwechlung
auf der Mailänder Möbelmesse gesorgt. Während sich das Design von Möbeln betont zurücknahm, wurden Leuchten umso mehr zur Spielwiese für neue Formen, Materialien und Effekte. Ihr Design setzte unterdessen auf auffallend fragile Entwürfe, die den Dekonstruktivismus in die heimischen vier Wände holen.

Wurde die im Zweijahresrhythmus stattfindende Euroluce stets als kleiner Bruder der Mailänder Möbelmesse aufgefasst, hätte man in diesem Jahr fast meinen können, es wäre anders herum. Spürbar groß war der Andrang der Besucher in den beiden Hallen 14 und 18, wo sich die progressiven Leuchtenhersteller konzentrierten. Die Messe selbst ist in ihrer 25. Ausgabe auch von ihrem Volumen her deutlich angewachsen und konnte ihre Kapazitäten auf insgesamt sechs Messehallen erweitern. Auf 43.000 Quadratmetern – knapp einem Fünftel der Mailänder Messe –  präsentierten 525 Aussteller, davon 174 nicht aus Italien, ihre Neuheiten. Weitere Firmen zeigten sich unterdessen in den zahlreichen Showrooms und Ausstellungen in der Mailänder Innenstadt sowie in der Gegend rund um die Via Tortona.

Der Politik zum Trotz


Dass sich das Design dabei durchaus auch politischen Entscheidungen zu stellen vermag, bewies Ingo Maurer mit seiner diesjährigen Inszenierung unweit der Giardini Publici. Als Antwort auf eine neue EU-Richtlinie, nach der ab September 2009 sämtliche matten Glühlampen vom Markt genommen werden sollen – als Grund wird eine angeblich geringere Lichtleistung angeführt, die aber selbst nach den technischen Angaben der Lampenhersteller entweder nur minimal oder überhaupt nicht nachzuweisen ist – ruft er nun zum Widerstand auf: „Schützen Sie sich vor dummen Regel, benutzen Sie das Euro Condom!“. Was sich hinter diesem verbirgt, ist eine dünne, hitzebeständige Silikonhülle, die über eine Glühbirne aus Klarglas gestülpt werden kann und diese in eine matte Birne verwandelt. Schließlich ist Licht bei weitem nicht gleich Licht.

Dekonstruktive Papierleuchten

Erlebten opulente Lüster in den vergangenen Jahren eine neue Blühte, wurden diese nun von vielen Herstellern zurückgestelt oder vorsichtshalber ganz aus dem Verkehr genommen. Dass ihre Vorsicht berechtigt war, wurde spätestens auf der Messe selbst deutlich, als auf den Ständen der traditionellen Leuchtenfabrikanten gähnende Leere herrschte, während die Aussteller zeitgenössischen Designs beinahe überrannt wurden. Verpflichtet sich das Design im Interieurbereich derweil zu einer deutlich reduzierteren Sprache, bei der eher auf klare, verlässliche Werte gesetzt wird, sind im Lichtbereich deutlich komplexere Formen zu finden. Vor allem das Fragmenthafte, Instabile oder gar Primitive wird von vielen Leuchtendesignern als bewusstes Mittel eingesetzt. So zeigte das britische Designkollektiv "Fresh West" mit seiner „Brave New World Lamp“ für Moooi eine Leuchte, die wie zufällig aus kleinen Holzstückchen zusammengezimmert wurde und beinahe an die Kulisse aus einem „Mad Max“-Film erinnert (oder wahlweise an eine Installation von Arne Quinze). Fragil zeigt sich auch die Leuchte „Kisawings“, die der japanische Designer Kisa Kawakami als dekonstruktivistische Neuinterpretation einer traditionellen japanischen Papierleuchte entwarf. Dass das Lüster-Thema dennoch nicht ausgedient hat, bewies der Argentinier Francisco Gomez Paz mit seiner Leuchte "Hope", deren Schirm aus mehreren Hightech-Kunststofflinsen ein angenehmes wie festliches Licht wirft.

Unerwartete Grenzgänger


Deutlich sinnlicher ging dagegen wieder Marcel Wanders ans Werk, dessen Leuchte „Can Can“ unter einem schlichten schwarzen Schirm einen aus weißem Stoff drappierten Unterrock verbirgt. Der Amsterdamer Designer vermochte aber auch an anderer Stelle zu überraschen: So stellte er ebenfalls für Flos eine Weiterentwicklung seiner 2007 präsentierten Leuchte „Skygarden" vor, mit der nun auch Büroflächen oder Korridore mit kleinen künstlichen Gärten aus Stuck geschmückt werden können. Die sonst so klare Grenze zwischen technischem und dekorativem Licht wird an dieser Steller bewusst verwischt. Spielerisch leicht zeigt sich auch Tobias Grau mit seiner Leuchte Falling In Love, die als faustgroße leuchtende Kugel in einem Nest liegt und von besonders leistungsstarken LEDs zum Leuchten gebracht wird. 

Funkelnde Geometrien

Präsentierte Swarovski in den vergangenen Jahren mit seinem „Crystal Palace“ phantasievolle Neuinterpretationen klassischer Kristalllüster, legte der Pariser Designer Arik Levy diesmal den Fokus auf die Form geschliffener Kristalle selbst. Ob einzeln oder zusammengefügt zu großen raumfüllenden Gebilden bestimmten sie die Ausstellung "Osmosis", die in einem alten Bahndepot an der Station Porta Genova gezeigt wurde. Neben Levy, für den das Spiel mit polygonbasierten Formen ohnehin zu seinem Markenzeichen gehört, bewies auch der Engländer Tom Dixon seine Vorliebe für komplexe geometrische Körper. So entwarf er mit seiner "Comet lamp" eine Leuchte für Veuve Cliquot, die aus Verpackungskartons von Champagnerflaschen gefaltet wurde und vor allem als Gruppe eine überaus futuristische Wirkung entfaltet.

Künstler als Designer

Olafur Eliasson übersetzte seine Vorliebe für Prismen und Kaleidoskope unterdessen in die Leuchte „Starbrick“, die von Zumtobel in den Räumen von Sawaya & Moroni gezeigt wurde. Für den in Berlin lebenden Künstler, dessen Arbeiten sonst nur in Museen oder den Sammlungen privater Mäzene zu sehen sind, ist es das erste Objekt, das nun auch als erschwingliches Produkt im Handel erworben werden kann. Ähnlich ging es auch dem britischen Installationskünstler Jason Bruges, der normalerweise eher im Maßstab ganzer Gebäude oder gar Landschaften arbeitet. Mit seiner Leuchte „Flatliner“ präsentierte er nun für Established&Sons ein Produkt für den Heimgebrauch, das mit seinen 244 LEDs zugleich wie ein kleiner, künstlicher Sternenhimmel anmutet.

Licht für die Stadt


Musste Bruges bei seinem Entwurf erst lernen, auf die Erfordernisse industrieller Leuchten einzugehen, konnte sich der walisische Künstler Cyn Wynn Evans deutlich freier entfalten. Initiiert von der Mailänder Möbelmesse zeigte er im Garten der Mailänder Triennale seine großformatige Installation „I=N=V=O=C=A=T=I=O=N“, bei der ein Bündel gebogener Neonstäbe eine Leuchtstoffwolke von rund sechs Metern Durchmesser bildet. Während die meisten Leuchten nach dem Ende der Euroluce längst wieder erloschen sind, wird die Skulptur auch auf Dauer der Stadt erhalten bleiben. Als Geschenk des Messeveranstalters Cosmit soll sie das Warten ein wenig verkürzen, bis im April 2011 die 26. Edition der Euroluce in Mailand eröffnen wird.
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