Gropius, Rosenthal und der Schweinestall

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Text: Claudia Simone Hoff, Foto: Rosenthal, 12.02.2016

100?! Diese runde Zahl will der Porzellanhersteller Rosenthal gebührend feiern und hat zum 100. Geburtstag von Philip Rosenthal sein Archiv durchforstet. Die Entdeckung: ein Schweinestall! Was Walter Gropius, Sebastian Herkner und eine Wette damit zu tun haben? Wir erzählen Ihnen die erstaunliche Geschichte – mit einer Pointe auf dem Frankfurter Messegelände, pünktlich zur heute beginnenden Konsumgüterschau Ambiente.

Alles beginnt mit einer Wette. Am 5. Oktober 1967 ist Walter Gropius zu Besuch in Selb. Er ist zur Eröffnung der Rosenthal-Fabrik am Rothbühl gekommen, die er mit seinem Bostoner Büro The Architects Collaborative (TAC) entworfen hat. Während eines Rundgangs durch das Werk gerät man in eine hitzige Diskussion über die Farbe eines Dekors. Während Gropius auf der Fahne eines Tellers einen schwarzen Rand sieht, besteht Philip Rosenthal darauf, dass aus dem Schwarz nach dem Brand ein Goldrand wird – was Gropius ihm nicht glauben will. Doch der Firmenchef behält recht und Gropius muss seine Wettschuld einlösen: eine Unterkunft zu gestalten für das Hausschwein von Rosenthal, das auf den Namen RoRo (für Rosenthal am Rothbühl) hört.

Porzellanfreu(n)de: Walter Gropius und Philip Rosenthal
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Bauhaus-Bude
Das Ergebnis der Wette zeigt die Entwurfszeichnung von Gropius: Ein Erwachsener mit zwei Kindern an der Hand blickt über einen Zaun, hinter dem das Schwein RoRo grast. Es darf sich glücklich schätzen über ein ziemlich luxuriöses Zuhause: ein kubisches Flachdachgebäude, das von einer Steinmauer eingefasst wird und der Rosenthal-Fabrik am Rothbühl stilistisch ähnlich sieht. Auffälligstes Gestaltungsmerkmal sind zwei hoch angesetzte, schmale Fensterbänder an Vorder- und Rückseite, der breite Eingangsbereich und das an der Schmalseite eingelassene, kreisrunde Bullauge. Das Gebäude gleicht eher einem Bungalow als einem Schweinestall, zumal Gropius Außenmauern, Zäune und Grünfläche des Außengeheges als Bestandteil der Architektur begreift. Zur Umsetzung des Wetteinsatzes kommt es aber nicht, weil die Porzellanmaler von Rosenthal in den Streik treten – aus lauter Angst, dass muffelige Schweinchen RoRo könne sie von der konzentrierten Arbeit ablenken.

Gropius statt Papst
Der Schweinestall wird zwar nicht ausgeführt, doch Gropius hat für Rosenthal einige Entwürfe tatsächlich umgesetzt. Ende der sechziger Jahre entwirft er mit seinem Architekturbüro TAC neben dem Porzellanwerk in Selb die Thomas-Glaswerke in Amberg sowie die Porzellanform TAC. Die Zusammenarbeit wird vermittelt durch den Schweizer Grafiker Josef Müller-Brockmann, der an einem Buch über The Architects Collaborative arbeitet und Gropius als Architekten vorschlägt. Der sagt kurzerhand zu und entdeckt während der Planungsphase der Rosenthal-Fabrik am Rothbühl sein Interesse für Porzellan. Philip Rosenthal hat es übrigens zuerst gar nicht gewagt, den Architekten für einen Entwurf anzufragen. „Da kann ich auch den Papst zur Taufe meiner Tochter bitten“, soll er gesagt haben. Nun, es kommt anders, und deshalb ist das Service mit seinen geometrischen Formen, dem bügelförmigen Henkel und dem auffälligen Bajonettverschluss nicht mehr wegzudenken aus dem Rosenthal-Designkanon.

Feuer und Flamme
Und genau hier kommt der 100. Geburtstag von Philip Rosenthal ins Spiel. Für den haben sich die Marketingstrategen des Porzellanherstellers nämlich etwas ausgedacht: die freie Interpretation der Schweinestall-Skizze durch das Architekturbüro Unique Assemblage. Das Konzept: die Geschichte der ungewöhnlichen Wette und zweier ungewöhnlicher Persönlichkeiten zu erzählen und gleichzeitig neue Produkte zu präsentieren. Während die polnische Designerin Ewelina Wisniowska für die Form TAC einen neuen Dekor entworfen hat – eine Interpretation des klassischen Goldrands und der Schweinestall-Skizze von Gropius – durfte sich Designer Sebastian Herkner über eine carte blanche freuen. Die hat er umgesetzt in ein handschmeichlerisches Objekt in Form eines abstrahierten Schweins, das in Weiß, Schwarz und Rosa erhältlich ist.

Das Highlight des Rosenthal-Jubeljahrs jedoch ist die Verwandlung der Schweinestall-Skizze von Gropius in ein maßstabsgetreues Architekturmodell durch das Frankfurter Architekturbüro Unique Assemblage. Zur Zusammenarbeit kam es so: Eines Abends sitzen Alex Probst, Ralf Schlachter und Bartek Wieczorek mit Sebastian Herkner zusammen, der ihnen die erstaunliche Wettgeschichte erzählt. Die drei Architekten sind sofort Feuer und Flamme, zumal Alex Probst auf einem Schweine-Hof in Baden-Württemberg aufgewachsen ist und die Tiere heiß und innig liebt: „Schweine sind tolle Viecher, die uns extrem ähnlich sind. Sie haben einen tollen Charakter, wissen genau, was Sache ist und sind sehr verspielt.“
Alles neu: Palazzo RoRo
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Schweinestall reloaded
Gleich mehrere gute Gründe also, sich dem Projekt anzunehmen, zumal die Architekten ein Faible haben für konzeptionelle Arbeiten. Von Beginn an steht nämlich fest, dass der Stall nicht einfach eins zu eins nachgebaut werden soll, sondern frei interpretiert. „Wir haben versucht, die Poesie der Wettgeschichte im Raum umzusetzen und den Stall als Skizze beizubehalten“, erzählt Alex Probst. Anhand der vorhandenen originalen Grundrisse, Schnitte und Skizzen erarbeitet Unique Assemblage zwei unterschiedliche Ansätze. Variante 1 wirkt wie eine Skizze im Raum. Der Stall ist samt Außengehege maßstabsgetreu ausgeführt, jedoch nicht in der ursprünglichen Stahlbeton-Variante, sondern in einer gitterartigen Raumstruktur aus aneinandergeschweißten, zwei Zentimeter dicken Aluminiumstäben. Variante 2 besteht aus einer äußeren und einer inneren Welt. Während die innere Welt aus feinen goldenen Latten besteht, gleicht die äußere Welt einem Billboard, das an einer Schnellstraße steht. Darauf projiziert ist eine fotorealistische Darstellung des Stalls aus Stahlbeton.

Go for Gold!
Schnell steht fest: Ausgeführt werden soll Variante 1, weil sie leichter wirkt und auch poetischer. Weil man durch die Vierkant-Alustäbe hindurchschauen kann. Zudem sind sie außen in weißer und innen mit goldener Farbe pulverbeschichtet. Gold passt zum Rosenthal-Jubiläum und Gold steht im Fokus des Innenraums. In maßgefertigten, glasfaserverstärkten Boxen in kräftigem Petrol wird auf der Ambiente neben Sebastian Herkners RoRo Collection auch Ewelina Wisniowskas TAC-Golddekor Palazzo RoRo ausgestellt. Außerdem mit dabei: Fotos, Pläne, Zeichnungen, ein Film zu Wettgeschichte und Making of. Das Resümee dieses ungewöhnlichen Architekturprojekts fällt übrigens ziemlich begeistert aus: „Der Stall wäre ein Paradies für Schweine gewesen“ – davon ist Alex Probst überzeugt. Wenn Wettschulden doch öfters so kreativ eingelöst würden!



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