Gut + schön = Gaggenau

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Text: Claudia Simone Hoff, 11.08.2011


In den siebziger Jahren gab es bei uns zuhause drei Designthemen: dänische Möbel aus Teakholz, die Rasierapparate meines Vaters, die Dieter Rams für Braun entworfen hat, und unsere Küche. Denn die war mit Elektrogeräten der Marke Gaggenau ausgestattet, einem Herd und einem auf Augenhöhe angebrachten Backofen – damals eine gestalterische Sensation. Nun, davon ahnte ich nichts, doch das in Versalien gestaltete Gaggenau-Logo und das klare Design haben sich seither eingebrannt in mein visuelles Gedächtnis.


Und genau dieses Logo war es auch, das als Blickfang zu sehen war auf der Mailänder Küchenmöbelmesse Eurocucina 2010 und ebenso auf der LivingKitchen 2011 in Köln. Einfach temporär abmontiert von der Gaggenau-Fabrikfassade, war dieses Logo integraler Bestandteil einer aufwändigen und ideenreichen Inszenierung am Messestand, wie man sie auf Küchenmessen wohl noch nicht gesehen hat: ratternde Maschinengeräusche, Pressen, abgewetzte Stühle, riesige Gitterboxen und Paletten inklusive.

Mailänder Messewunder

Alles, was die Produktion des in München ansässigen High-End-Hausgeräteherstellers ausmacht, war in Mailand sinnlich zu erfahren: zu sehen, zu hören oder auch zu fühlen, wurden zwischen den industriellen Devotionalien doch auch die fertigen Produkte des Unternehmens präsentiert. Gaggenau bescherte dem Besucher ein unerwartetes, auf visuelle Kontraste ausgerichtetes Vergnügen: High-End-Produkte eingebettet in eine künstlerisch verfremdete, industriell angehauchte Szenerie.

Auf diesem unkonventionellen Messestand wurde in Köln die neueste Innovation aus dem Hause Gaggenau präsentiert, nämlich das Vollflächeninduktionskochfeld CX 480. Es veranschaulicht die Gestaltungsphilosophie des Herstellers: eine reduzierte und durchdachte Formensprache, die erhaben ist über alle Moden und Trends. Zugleich stellt CX 480 eine technische Neuerung dar, denn die gesamte Fläche wird mittels 48 Mikro-Induktoren in eine einzige große Kochzone verwandelt und ermöglicht damit ein freies Platzieren des Kochgeschirrs.

Dieses Produkt zeigt die Innovationskraft von Gaggenau und da verwundert es nicht, dass das Unternehmen im Besitz von über 300 Patenten ist. Seit 1995 gehört Gaggenau außerdem zur BSH Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH, in deren Verbund es die Premium-Marke darstellt.

Funktional und unaufgeregt

Die in München ansässige Gaggenau Hausgeräte GmbH mit über 500 Mitarbeitern entwickelt, produziert und vertreibt Einbaugeräte für die private Küche. Neben Induktionskochfeldern umfasst das Sortiment auch Backöfen, Mikrowellen, Espresso-Vollautomaten, Lüftungen, Glaskeramik- und Gaskochfelder, Weinklimaschränke und Geschirrspüler. Nein, nicht einfach nur die gewöhnliche „weiße Ware“ der Massenhersteller, die in den großen Elektrofachmärkten das Sortiment bestimmen. Im Unterschied zu diesen meist kurzlebigen und mit allerlei unnötigem technischem Schnickschnack versehenen Geräten setzt Gaggenau ganz auf die gute Form, die im Unternehmen einhergeht mit einer ausgefeilten Technik.

Erfahrbar wird diese gestalterische und technische Kompetenz auch im langen Lebenszyklus von Gaggenau-Produkten, der sie zu nachhaltigen Produkten werden lässt. Auf erstaunliche 23 Jahre Lebenszyklus beispielsweise bringt es der Backofen EB 388, der zwar mit 5000 Euro Einstiegspreis kein wirkliches Schnäppchen ist, dafür aber gleich vier Gänsebraten nebeneinander aufnehmen kann. Bei Gaggenau spielt bei der Entwicklung von neuen Produkten immer auch das Vorgängermodell eine wichtige Rolle. Deshalb spricht Sven Baacke, seit Anfang 2011 Chefdesigner des Unternehmens, auch von Evolution statt von Revolution: „Gaggenau steht für evolutionäres, nicht revolutionäres Design. Wir folgen einer eigenständigen Formensprache, die Form und Funktion in Einklang bringt und den Produkten eine Seele verleiht.“

Schrittmacher der Branche

Gaggenau war seiner Konkurrenz schon immer einen Schritt voraus, wie zahlreiche Erfindungen des Unternehmens belegen: der Einbaubackofen, das Glaskeramik-Kochfeld, sich seitlich öffnende Backofentüren oder der selbstreinigende Backofen. Dabei transformiert Gaggenau Innovationen aus der professionellen Küche in den privaten Haushalt und gleicht sie den veränderten Anforderungen an.

Gaggenau, aufmerksamer Beobachter der Branchentrends, denkt immer auch in (Küchen-)Räumen: Nicht nur, dass der Hersteller letztes Jahr mit AC 402 eine modulare Deckenlüftung auf den Markt gebracht hat, die flächenbündig in Decke und Möbelelemente integrierbar ist, auch arbeitet man eng mit Herstellern von High-End-Küchenmöbeln zusammen. Wie ambitioniert, exklusiv und hochwertig Gaggenau Kochkultur und Lebensart versteht, demonstrierte das Unternehmen Ende 2009 in Berlin: Gemeinsam mit dem High-End-Küchenhersteller Bulthaup wurde in einem ehemaligen Abspannwerk aus den zwanziger Jahren eine aus Dinesen-Hölzern gezimmerte Weinbox präsentiert. Diese beinhaltete nicht nur einen kupfernen Monoblock von Bulthaup, sondern die gestalterisch dazu passenden Weinklimaschränke der Vario-Serie von Gaggenau. Darin können – wohlgemerkt im privaten Haushalt! – bis zu 101 Flaschen Wein und Champagner mittels zwei getrennt steuerbarer Klimazonen gelagert werden. Glastüren mit Edelstahl- oder Aluminiumrahmen sowie voll ausziehbare Schübe aus Buchenholz mit Aluminiumprofilen stehen exemplarisch für die Designphilosophie von Gaggenau.

Geschichte und Geschichten

Gaggenau erstaunt und zwar nicht nur durch seine Produkte, sondern auch mit seiner Unternehmensgeschichte, reicht diese doch zurück bis ins Jahr 1683. Damals gründete Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden eine Hammer- und Nagelschmiede in Gaggenau im Schwarzwald. Mit der beginnenden Industrialisierung um 1873 wurden in den Eisenwerken Gaggenau dann landwirtschaftliche Maschinen und Gebrauchsgüter aus Metall produziert. Diesem Werkstoff blieb das Unternehmen auch in den folgenden Jahren treu, spezialisierte sich aber um 1880 auf Emailierungen und fertigte fortan Fahrräder, Werbeschilder für Odol und Maggi sowie Kohle- und Gasherde auf Basis des Backofen-Emails.

Und die spannende Geschichte geht noch weiter: Nachdem sich die österreichische Architektin Margarete Schütte-Lihotzky in den zwanziger Jahren mit der Frankfurter Küche den Vorläufer der späteren Einbauküche konzipierte, hatte Georg von Blanquet 1956 eine ganz andere Idee: Der Sohn des damaligen Inhabers von Gaggenau setzte die maßgeschneiderte Einbauküche mit technisch ausgefeilten und einfach zu handhabenden Einbaugeräten in Serie um.

Von Design und guten Formen

Die gute Form ist wesentlicher Bestandteil der Produktphilosophie von Gaggenau und Ergebnis der engen Zusammenarbeit des sechsköpfigen Designteams um Sven Baacke mit der Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Das Designleitbild des Unternehmens fußt dabei auf folgenden Parametern: einer klaren Formensprache, ausgesuchten Materialien und einer perfekten Verarbeitung gepaart mit Funktionalität und technischen Neuerungen. Aus diesen Anforderungen resultiert ein ständiger Balanceakt zwischen den Polen Tradition und Innovation, denn schließlich soll die Marke Gaggenau auch bei den Neuheiten erkennbar bleiben.

Komplexe Displays, blinkende Kontrollleuchten oder schrille Farben wird man demnach bei Gaggenau-Geräten vergeblich suchen. Das Unternehmen gibt sich selbstbewusst, wie ein Werbeslogan demonstriert, der für einen Einbaubackofen wirbt, neben dem eine Kuckucksuhr platziert wurde: „Eine der erfolgreichsten Erfindungen aus dem Schwarzwald. Und eine Kuckucksuhr.“
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