Hotelbäder: Beam me up, Frottee!

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Text: Kathrin Spohr

Oase der Entspannung und Energetisierung – das Bad ist längst zum heimlichen Hauptdarsteller luxus- und designorientierter Hotelzimmer avanciert. Hier widmet sich der Gast nicht einfach nur der Körperpflege. Er zelebriert ein ganzheitliches Wellness-Erlebnis.

Der Appell zum Transport in entfernteste Orte des Universums lautet „Mr. Scott, energise!“. In Star Trek positionieren sich Kirk und Spock auf einer runden Plattform, darüber eine Lampe. Ein Blick auf die Dusche der Zimmer im Hotel 7132 von Peter Zumthor, Thom Mayne, Tadao Ando und Kengo Kuma in Vals, der berühmten Therme im Schweizer Alpenland, erinnert unweigerlich an das Design des legendären Transporters aus dem Science-Fiction-Klassiker. Die gläserne Dusche in der Mitte des Luxusgästeraums scheint sphärisch zu erstrahlen, so als sei sie der Beamer der Kultserie. Auch die Parole passt zum 7132. Denn in der futuristisch anmutenden Dusche, die Thom Mayne im Zuge seiner neuen Architektur für das Hotel kreiert hat, könnte ein Hotelgast ebenso fordern: „Mr. Shower, energise!“. Und eine maßgeschneiderte Choreographie aus Licht, Sound und stimulierenden oder entspannenden Wasserstrahlszenarien, Tropfen et cetera beginnt.

Sensorische Oase
Dieses Szenarium spiegelt den wichtigsten Trend des aktuellen Designs von Hotelbadezimmern. Sie prosperieren zu hochentwickelten, sensorischen Oasen mit ganzheitlichen, atmosphärischen Wellness-Erlebnissen. „Die Entwicklung hin zu einem Raum, der nicht mehr vorrangig der Reinigung und Körperpflege dient, sondern Entspannung und Genuss verspricht“, erklärt Andreas Dornbracht, Geschäftsführer des Armaturenherstellers Dornbracht, die Entwicklung. „Gäste legen zunehmend Wert auf Komfort und ein besonderes, nicht alltägliches Luxuserlebnis.“

The social shower
Damit diese Form von Energetisierung möglich ist, ändert sich der Grundriss der Gästezimmer radikal. In den avantgardistischen Design- und Luxusunterkünften dieser Welt verschwimmen die Grenzen zwischen Bad und Schlaf- bzw. Wohnraum zunehmend. Das Badezimmer wird geöffnet. Dabei rücken einzelne Elemente wie Badewanne, Dusche – wie im Hotel 7132 – und Waschtisch Richtung Schlafbereich. Trennwände werden transparent oder verschwinden ganz. Es entstehen verschiedenste Varianten offener „Wohnbäder”, in denen sich auf eine neue Art entspannen lässt – und die sicher auch eine andere Form des sozialen Interagierens, der Kommunikation für die Gäste des Hotelzimmers bedeutet. Denn ganz privat bleibt nur noch das WC, untergebracht in einem separaten kleinen Raum.

Selbst im citizenM, einer holländischen Designhotelkette, die ein junges, lifestyle-orientiertes Ambiente für den „Mobile Citizen“ zu einem erschwinglichen Preis anbietet, gehört die gläserne Dusche mit choreographierbarer Rain Shower und Mood Lighting zum Konzept. Die 14 Quadratmeter großen Hotelzimmer werden komplett in eigenen Fabriken vorgefertigt, zum jeweiligen Standort der Hotels transportiert und montiert. Ein Konstruktionsprozess, der laut Concrete Architekten, den Entwicklern von citizenM, Kosten und Umwelt schont.

Im Okko Hotel in Nantes hat Patrick Norguet einen semitransparenten Sichtschutz von Bad und Schlafraum kreiert: einer elegant geformten Glaswand ist zum Schlafraum hin eine weiße Lamellenwand aus Holz vorgesetzt. Der Badbereich bekommt Tageslicht und bleibt dennoch eine Art Rückzugsort. Und im Hotel Michelberger in Berlin spielt Werner Aisslinger wieder eine andere Variante des halboffenen Badbereichs: Im „Hideout“ ist das eigentliche Badezimmer eine Art Haus im Raum mit eigenen Fenstern und Läden zum Öffnen und Schließen. Die Transparenz der Hotelbäder inszeniert einen weiteren Vorteil: Hygiene und Wellness können immer mehr bei Tageslicht stattfinden. Das Gegenteil also von Badezimmern in „Standardhotels“, die Privatsphäre kreieren, in dem sie klaustrophobischen Panic Rooms gleichen: funktionale und boxenartige Nasszellen ohne Tageslicht – mit nervigem Ventilatorengebrumm.

Das vernetzte Bad
Die neuen offenen Badlayouts bieten unzählige Perspektiven, den Wellness-Aspekt auszuloten. Denn manche Hotels geben dem Baden fulminante Bühnen: Badewannen werden freistehend inmitten des Hotelraums oder sogar auf den dazugehörigen Terrassen platziert und feiern grandiose Ausblicke: auf die Skyline der Metropole, das Meer, die Bergwelt, das Naturreservat. Und das Luxushotel Widder in Zürich geht noch einen Schritt weiter. „Neben dem Bad verfügen die Suiten über einen zusätzlichen, eigenen Bereich für Spa-Anwendungen. Dort ist unter anderem auch ein Dampfbad mit integrierter Sitzbank eingebaut, edel kombiniert mit Naturstein“, weiß Andreas Dornbracht. Zusätzlich spielt intelligente Digitalität hier beim Wohlgefühl eine große Rolle: Sensorische Nachtlichter weisen in der Dunkelheit den Weg vom Bett zum WC. Und wer morgens im Bad schon gern wissen möchte, was gerade in der Welt passiert, wirft einen Blick in den Spiegel: Denn dort ist das Mirror-TV-Gerät integriert.

Transitional Style
„Insgesamt zeichnet sich ab, dass das Bad mehr und mehr zum Herzstück des Hotelzimmers wird, ja oftmals sogar einen höheren Stellenwert einnimmt als das Schlafzimmer“ , so Dornbracht weiter, „Infolgedessen steigt die Nachfrage nach außergewöhnlichen Duschlösungen“. Ähnlich wie bei den neuen Büro-Interiors, die nun Wohn- bzw. Loungecharakter haben und eine Vielzahl innovativer Möbel- und Produktdesigns hervorbringen, verhält es sich auch bei der neuen Fusion von Bad und Hotelraum: „Hier hat insbesondere der Interior-Design-Trend „Transitional Style" an Bedeutung gewonnen, der moderne mit traditionellen Elementen verbindet“, erklärt Andreas Dornbracht, dessen Unternehmen für eine Vielzahl modernster Hotelbäder auf der ganzen Welt verantwortlich zeichnet. Dornbracht-Produkte wie Sensory Sky, Vertical Shower oder Comfort Shower sind Antworten. Eine weiche, ausgewogene Formensprache, warme Materialien sind gefragt. So ist es kein Wunder, dass Duschkabinen rund werden, Badewannen eine Textiloberfläche bekommen oder auch aus Holz sind, wie etwa im Volkshotel in Amsterdam.

Learning from the hotel bathroom
Man könnte meinen, dass Hotels also zum Versuchslabor für innovative Badkonzepte und Produktlösungen werden. Das hat damit zu tun, dass Hotels meist von Architekten geplant werden. „Sie kennen die Trends sehr gut und sind dadurch oftmals experimentierfreudiger als der durchschnittliche private Bauherr“, so Dornbracht. – Das ist ein Grund. Ein anderer könnte aber vielleicht auch in der Geschichte liegen. Als 1906 das Ritz Hotel London seine Pforten öffnete, präsentierte es ein Novum: zu jeder Suite gehörte ein eigenes Badezimmer. In Standardwohnungen kannte man Badezimmer zu dieser Zeit nicht. Denn erst seit den 1950er Jahren gehören sie zur Ausstattung. Für das erste Designhotel, das von Arne Jacobsen zwischen 1956 und 1960 gestaltete Royal Copenhagen, entwickelte der dänische Architekt ein Farbkonzept, das Grün ins Zentrum stellte. Mit grünen Möbeln, Textilien, organischen Formen wollte er den „modernen Garten“ schaffen, die Natur in die Stadt holen. Selbst die Bäder waren mit Fliesen in „Seafoam“-Grünkolorits ausgestattet. Ein Farbcode, der auch in Deutschland so typisch wurde für die Badezimmer in den Wohnungen der folgenden Jahre.

Die Natur feiern
Der Autor Stefan Hertmans erzählte kürzlich bei einer Lesung, dass er in seinem Garten im provenzalischen Bergdorf Monieux einen alten Brunnen entdeckt hat. Dieser war mit Steinen zu einem Oval ausgebaut, sodass man darin zu einer Seite sitzen kann. Hertmans vermutete eine Art private Mikwe, ein rituelles jüdisches Tauchbad. Wahrscheinlich aus dem 11. Jahrhundert. Zu dieser Zeit war es normal, sich draußen zu waschen. Ein Bad im Fluss oder See diente ja meistens der Reinigung. Heute findet sie in der Regel indoor statt. Doch die Symbiose von Natur und Waschen hat etwas Archaisches. Und es scheint, als ob wir Menschen diese in immer wieder neuen Ausformungen – den Möglichkeiten und dem Zeitgeist entsprechend – zusammenbringen.

Unweit von Hertmans Fund, an der Küste von St. Tropez, wird das Waschen unter freiem Himmel wieder zelebriert. Und zwar glamourös, im angesagten Sezz, einem 5-Sterne-Designhotel, das ganz im mediterranen Fünfzigerjahre-Farbcode und Côte-d'Azur-Chic gehalten ist. Alle Zimmer haben abgeschirmte Outdoor-Duschen auf der Privatterrasse. Das elegante Interior, das einen direkt in Spielfilme mit Bardot, Deneuve, Delon & Co entführt, stammt von Christophe Pillet. Er wollte hier, wie er sagt, ein „intimate retreat“ schaffen. Obwohl natürlich auch den angenehmen klimatischen Bedingungen geschuldet, präsentiert die Idee im Sezz Hotel vielleicht das radikalste Verständnis von der Auflösung des Hotelbadezimmers. Denn es entzerrt die Elemente noch weiter. Und betont dabei einen essentiellen Aspekt von Hotels: sich in der Ferne zuhause zu fühlen. Denn wo sonst, wenn nicht an einem Ort, wo man sich wirklich privat und wohl fühlt, wird das Duschen draußen in der Natur zu einem interstellaren Genuss?

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