ISH 2017: Bäder für Individualisten

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Text: Katharina Horstmann

Die Badezimmergestaltung von heute geht über Teppichvorleger und Spiegelschrank hinaus. Auf steigende Kundenerwartungen reagiert die Badbranche mit technologischer Präzision, Individualisierung und Badinstallationen, die deutlich als Interieur durchgehen. Die ISH 2017 dokumentiert den Wandel der Nasszelle zum Distinktionsraum.

Das Konzept wirkt vertraut und ist im Bad dennoch erfrischend neu: In einem großen Korb aus lackiertem Metallrohr ruht ein schlichtes Bassin aus weißem Stahl-Email. Auf abdeckende Flächen wurde verzichtet, das Volumen bleibt lediglich als Kontur erhalten – durch die offene Leichtigkeit einer Reling, die für Stabilität sorgt und den Blick auf die randlose Wannenschale frei gibt. Werner Aisslinger und Tina Bunyaprasit zitieren in ihrem Badkonzept Grid für Kaldewei Stahlrohr frei nach Verner Panton und führen elegant vor, wie Badinstallationen als Interieur konzipiert werden können. Der Metallrahmen bietet die Möglichkeit, platzsparend Körbe für Utensilien und Pflanzenschalen einzuhängen, um im Sinne der Berliner Designer bei der Collage persönlicher Elemente selbst Hand anzulegen.

Installation als Interieur
Grid wurde zum ersten Mal Mitte März auf der ISH 2017 in Frankfurt vorgestellt und verdeutlicht eine Tendenz im Badezimmer, die sich bereits seit ein paar Jahren ankündigt. Neben klassischen, teilweise auf den Millimeter genau anpassbaren Einbaulösungen werden Waschtische und Badewannen, deren Charakter und Funktionalität sich Möbelstücken annähert, skulptural im Raum inszeniert. Neue Materialien und Fertigungsprozesse ermöglichen dabei minimale, noch nie dagewesene Wandstärken, die zu übermütigen Belastungsproben reizen – zumindest visuell, denn nahezu sämtliche der üblichen Werkstoffe sind in einer dünnwandigen Ausführung tragfähig und verleiten zu Entwürfen, die genau das beweisen.

Das Potsdamer Designbüro Tesseraux + Partner lotet dieses Potenzial bei Titanstahl aus und versieht seine neue Wannen- und Waschtischserie BetteLoft Ornament mit einem gefalzten Rand, der lediglich acht Millimeter misst. Die Wannenschürze mit geometrischem Facettenrelief lässt die Wanne als soliden Block erscheinen, der sich als architektonisches Statement im Raum behauptet. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch Patricia Urquiola, die in dem Konzept Sonar die Saphirkeramik von Laufen minimalistisch auf ihre Vorzüge reduziert hat. Scharfe, klare Linien definieren die Serie von Waschtischen und Badewannen als dünnwandige Formen mit stark architektonischen Zügen. Daraus ergibt sich ein ausgewogenes Zusammenspiel von Wasserfluss und Formensprache, das die Ausbreitung der namensgebenden Schallwellen stilisiert wiedergibt.

Gesundheit als Erlebnis
Ähnlich wissenschaftlich inspiriert geht es bei der neuen Badewanne der Serie Neorest von Toto zu. Der japanische Hersteller bringt den liegenden Körper durch eine akkurate Wannenform in eine Ruheposition, die den Badenden das Gefühl astronautischer Schwerelosigkeit erleben lässt. Ein ergonomisches Kissen ist in der Höhe verstellbar und verströmt durch einen schmalen Schlitz warmes Wasser, das Nacken und Oberkörper mit einer wohligen Wärme umhüllt. Hier zeichnet sich eine weitere Tendenz ab, die das körperliche Wohl als Erlebnis inszeniert und Themenbereiche wie Demographie oder Gesundheitsvorsorge mit berücksichtigt. Der Wunsch nach Individualisierung macht vor dem Bad nicht halt – ganz im Gegenteil. Gerade hier entfaltet sich eine nie dagewesene Flexibilität, die mit modernen Fertigungsprozessen, neuen Montagesystemen und technologischen Entwicklungen einhergeht: die Möglichkeit, Produkte an die besonderen Vorlieben und Bedürfnisse einzelner Nutzer anzupassen.

Wohlfühl(t)räume
Dass Wohlbefinden oft mit Digitalisierung einhergeht, unterstreichen nutzerspezifische Anpassungen in der Anwendung. Duravit stellte zum Beispiel mit BioTracer ein digital vernetztes Dusch-WC mit automatischer Urinanalyse vor. Das Konzept misst verschiedene Indikatoren im Urin und stellt die Analysewerte in einer App auf dem Smartphone bereit. Dornbracht wiederum kombiniert bei der Vertical Shower spezielle Auslassstellen mit unterschiedlichen Strahlarten, die sich digital vorprogrammieren lassen und dabei verschiedene Duschszenarien aktivieren. Neu sind die in der Höhe adjustierbaren Massagedüsen WaterFan und WaterCurve, die neben einer wohltuenden Nacken- oder Rückenmassage die gezielte Stimulation durch Aquapressur ermöglichen.

Regeneration gewinnt als komplementärer Gegenpol zu tagesfüllenden Aktivitäten an Gewichtung – in demselben Maße, wie Körperpflege völlig geschlechtsunabhängig einen wichtigeren Stellenwert im Alltag erhält. Das ist insofern von Bedeutung, als dass das Bad als Rückzugsraum zunehmend Aufenthaltsqualitäten annimmt und ausreichend Indikationsfläche bietet, um die eigene Persönlichkeit zur Geltung zu bringen. „Bäder sind in Zukunft die einzigen Orte in der Wohnung, in denen tägliche Rituale wichtiger sind als die immer präsentere digitale Welt“, meint Werner Aisslinger und erkennt als Thema der Branche, dass fortan Originalität gefragt ist, um unkonventionellere und fantasievolle Wohlfühlräume zu gestalten. Eine Aufgabe, der sich sichtlich mehr Hersteller bereit sind zu stellen – häufig mit Designern an der Seite, die nicht nur dabei helfen, Materialien zu erproben, sondern auch die Perspektive zu verändern.

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