Im Geiste des Zen

5
Text: Norman Kietzmann, 06.06.2008


Die japanische Teezeremonie ist ein Ritual von besonderer kultureller Bedeutung. Während der Ablauf nach strengen, minutiösen Regeln erfolgt, ist der architektonische Rahmen erstaunlich offen. Kein Wunder, dass immer mehr zeitgenössische japanische Architekten ihre eigene Version des Teehauses entwerfen und somit galant zwischen Tradition und Gegenwart vermitteln.

Der Ablauf der Teezeremonie, die in Japan auch als „Religion der Kunst des Lebens“ bezeichnet wird, ist streng geregelt und beginnt bereits lange, bevor der Tee serviert wird. Der Eingangsbereich des Teehauses, das stets in einem kleinen Garten gelegen ist, wird hierfür kurz vor der Zeremonie mit Wasser besprenkelt, während die Eingangstür zum Garten offen steht. Nachdem der letzte Gast die Tür geschlossen hat, versammeln sich die übrigen Gäste in einem Vorraum. Dort legen sie ihre Überkleidung ab und ziehen spezielle Socken mit abgetrennten Zehen an. Um die Zeremonie nicht zu stören, dürfen die Teilnehmer weder Parfüms noch Uhren tragen, die den Ablauf beeinträchtigen könnten. Die Zeit spielt hier keine Rolle mehr.

Ruhe und Kontemplation

Anschließend gehen die Gäste herüber zu einer überdachten Wartebank, von wo sie hören, aber nicht sehen können, wie der Gastgeber das Teewasser einlässt. Erst dann tritt dieser in Erscheinung und begrüßt seine Gäste mit einer tiefen Verbeugung. Anschließend gehen der Gastgeber und seine die Gäste entlang eines Steinweges hinüber zum Teehaus und betreten dieses durch eine niedrige Tür, die sie zu einer gebückten, demütigen Haltung zwingt. Nachdem Speisen und Sake gereicht wurden, können die Gäste, die inzwischen schon über eine Stunde in der typisch japanischen Sitzhaltung verbracht haben, für eine kurze Pause das Teehaus verlassen und sich im Garten die Füße vertreten.

Durch das Signal eines Gongs werden sie schließlich wieder in das Teehaus herein gebeten. Der letzte Gast schließt die Tür mit einem deutlich hörbaren Geräusch, das dem Gastgeber das Zeichen gibt, mit der eigentlichen Teezeremonie zu beginnen. Die dafür notwendigen Geräte werden nun entlang diagonaler Linien im Zentrum des Hauptraumes aufgeteilt. Der Gastgeber reinigt die genau platzierten Schalen nach einem exakt festgelegten Ritual und gießt anschließend heißes Wasser aus dem Kessel in eine Teeschale. In dieser wird nun der Teebesen erwärmt, der einem Rasierpinsel nicht unähnlich scheint. Während den Gästen erneut Süßigkeiten gereicht werden, gibt der Gastgeber pulverisierten Tee in eine Teeschale und gießt heißes Wasser hinzu. Mit dem Teebesen wird der Tee nun – ähnlich wie beim Rasieren die Rasierseife – schaumig geschlagen. Die Teeschale wird anschließend an die Gäste weitergereicht, von denen jeder drei Schlucke aus der Schale trinkt. Während der gesamten Zeremonie wird zumeist geschwiegen und eine höfliche Konversation über die verwendete Teesorte begonnen. Die Teezeremonie ist damit beendet.

Traditionelle Bauformen

Dass der Bau von Teehäusern für japanische Architekten stets eine besondere Rolle eingenommen hat, überrascht angesichts der rituellen Bedeutung der Zeremonie kaum. Auch wenn der religiöse Hintergrund heute nicht mehr dieselbe Bedeutung genießt wie einst, ist die Teezeremonie als Konzentrationsübung sowie zum Erlernen guter Manieren noch immer hoch angesehen. Mit ihrer schlichten und nüchternen Formensprache haben die Teehäuser zudem einen großen Einfluss auf die übrige japanische Baukunst ausgeübt.

Auch wenn sich die Gestaltung den spezifischen Umständen vor Ort anzupassen hat, finden sich dennoch stilistische Merkmale, die alle japanischen Teehäuser miteinander verbindet. Entscheidend ist dabei nicht nur das Teehaus an sich, sondern bereits seine unmittelbare räumliche Umgebung. So sind die Teehäuser stets in einem kleinen Garten angeordnet, der häufig auch über einen kleinen Teich verfügt. Im Freien sind ein überdachter Wartebereich sowie ein Weg aus großen Schrittsteinen angelegt („Taubedeckter Pfad“), der nie als gerade Linie sondern vielmehr in einer zickzackförmigen Abfolge zum Teehaus führt. Der Aspekt von Passage und Annäherung spielt bereits seit jeher eine Rolle in der japanischen Architektur und symbolisiert im Zen-Buddhismus zugleich die erste Stufe der Erleuchtung.

Die Ästhetik der Leere

Im Inneren verfügt das Teehaus über zwei Räume, von denen der eine der Vorbereitung des Tees und der andere der Durchführung der Teezeremonie dient. Als Baumaterialien kommen traditioneller Weise zumeist Zedernholz und Bambus zum Einsatz, während die Fenster und Türen mit durchscheinendem Japanpapier verkleidet sind. Diese lassen zwar Licht in das Innere des Hauses, verhindern aber einen direkten Blickkontakt mit der Umgebung des Hauses. Betreten wird das Haus über eine kleine rechteckige Schiebtür, die so niedrig ist, dass die Gäste sie nur in geduckter Haltung passieren können.

Der Hauptraumes ist zumeist auf eine Größe von 4 ½ Tatami-Matten festgelegt. Auch wenn die Größe der Matten je nach Region in Japan leicht variiert, beträgt das Standardmaß 85 x 170 Zentimeter. Aus diesen Maßen leitet sich ein quadratischer Grundriss von 255 x 255 Zentimetern ab, der für europäische Verhältnisse reichlich bescheiden wirkt. Im Raum befinden sich keine weiteren Möbel oder Einrichtungsgegenstände mit Ausnahme einer Nische, in der auf einem Regal die zur Teezeremonie notwendigen Geräte zu finden sind sowie eine schlichte Vase für ein einfaches, kleines Blumengesteck. In einer kleinen Grube, die etwas aus der Mitte des Raumes gerückt ist, befindet sich ein versenkter Herd, an dem das Teewasser erhitzt wird. Auch wenn den einzelnen Details große Bedeutung beigemessen wird, sind die Materialien betont einfach und „bäuerlich“ gehalten.

Teehaus aus Luft

Viele zeitgenössische Architekten haben die Teehäuser zu reichlich ungewöhnlichen Entwürfen inspiriert. So wurden im Sommer 2007 die Besucher des Frankfurter Museums für Angewandte Kunst von einem weißen ufoähnlichen Gebilde überrascht, das sich im Garten hinter Richard Meiers Museumsbau auftat – dem Teehaus des japanischen Architekten Kengo Kuma. Dieses bestand jedoch nicht wie seine historischen Vorgänger aus einer festen Holzkonstruktion, sondern aus einer aufblasbaren, luftgefüllten Kunststoffhülle. Kuma setzte damit zugeich auf den Aspekt des Temporären und entwarf den leichten und flexiben Bau bewusst als „weak architecture“ – weiche Architektur. Wird ein Ventilationssystem aktiviert, so erwächst das Teehaus wie eine weiße Blühte aus High-Tech-Textil empor. Auch wenn der äußere Rahmen zunächst ungewöhnlich erscheint, finden sich im Inneren dennoch die traditionellen Tatami-Matten wieder, ebenso ein elektrisch beheizbarer Herd für den Wasserkessel, eine Tokonoma Nische sowie ein Vorbereitungsraum mit einer Größe von ca. 20 Quadratmetern. Um die Teezeremonie auch in der Nacht durchführen zu können, wurde die transluzente Kunststoffhülle mit einer integrierten LED-Beleuchtung ausgestattet.

Teehaus aus Papier

Auf eine ebenfalls ephemere Hülle setzt der japanische Architekt Shigeru Ban bei seinem Entwurf eines leichten transportablen Teehauses. Bekannt geworden für seine innovativen Gebäude aus Papier, bleibt er sich auch hier seinem Lieblingsmaterial treu. Gefertigt aus quadratischen Pappröhren ist der offene Bau mit einer Grundfläche von fünf mal fünf Metern vor allem für den Gebrauch in Innenräumen ausgelegt. Im Inneren befinden sich vier Hocker sowie ein oval abgerundeter Tisch, der durch eine Wand hindurch bis nach draußen in den Außenbereich des Hauses reicht. Ein überdachter Wartebereich, der mit einer schmalen Bank versehen ist, ergänzt den Bau. An der Innenseite der Türöffnung hat Shigeru Ban zudem eine schmale Vase an der Innenwand angebracht, in die Blumengestecke während der Teezeremonie gesteckt werden können. Bei einer Versteigerung des Londoner Auktionshauses Philips de Pury im April 2008 gehörte der Pavillon zu den begehrtesten Objekten. Woran die Begeisterung für die schlichten und zugleich so raffinierten Teehäuser liegen könnte, hat einst schon Bruno Taut treffend auf den Punkt gebracht: „Da das Teehaus aber nicht Malerei ist und Architektur auch nicht, so könnte man es gebaute Lyrik nennen.“


Literaturhinweis: Wenn Sie mehr über die Geschichte und Hintergründe des japanischen Teehauses erfahren wollen, sei Ihnen folgendes Buch empfohlen: Wolfgang Fehrer: Das japanische Teehaus. Niggli Verlag, Sulgen 2005, ISBN 3721205197
Weitere Artikel 13 - 13 von 13 Die Küche wird zur eUnit
jetzt zu MADEby wechseln

Exklusive Interviews mit Newcomern und internationalen Stars der Design- und Architekturwelt.