In der Zeitschleife - die imm cologne 2008

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Text: Norman Kietzmann, 18.01.2008

Neuauflagen, Reeditionen oder besser nichts – die Kölner Möbelmesse „imm 2008“, die vom 14. bis 20. Januar stattfand, verweigerte auf konsequente Weise das, was man von einer Messe normalerweise erwartet: Neuheiten. Dachten viele Besucher noch am ersten Tag, es läge eventuell an ihnen und sie hätten die Dinge einfach nur übersehen, wurde spätestens am zweiten Tag aus dem leisen Verdacht Gewissheit. Einzig das parallel zur Messe stattfindende Passagen-Programm, das sich auch diesmal über das gesamte Stadtgebiet erstreckte, versprach ein wenig Abwechslung. Die Gewinner dieser Entwicklung: Die vielen jungen Designer, die unter anderem im Nachwuchsforum der Messe deutlich besser punkten konnten als in den Jahren zuvor.

Zugegeben, die Kölner Möbelmesse hat nicht erst seit kurzem ihre Rolle als Indikator für Trends und Innovationen im Interieurbereich eingebüßt. Doch was diesmal in den Messehallen der „imm 2008“ geboten wurde, untertraf selbst die zurückhaltendsten Erwartungen. Zwar war die Messe auch in diesem Jahr mit 1.251 Ausstellern aus über 50 Nationen voll ausgelastet und konnte mit 107.000 Besuchern erneut einen Rekord verbuchen. Dennoch schien der Rückzug einiger prominenter Aussteller nicht ganz ohne Spuren vergelaufen zu sein. Und nicht wenige, die geblieben waren, obwohl sie im letzten Jahr ebenfalls schon laut darüber nachgedacht hatten, Köln den Rücken zu kehren, kochten bewusst nur auf kleiner Flamme.

Das Gleichgewicht finden

In Halle 11, wo auf drei Etagen der Großteil der designrelevanten Hersteller zu finden war, war die Anzahl der Produktneuheiten derart gering, dass die Kölnmesse die wenigen vorzeigbaren Produkte im Grunde auf einem einzigen A4 Blatt hätte zusammenfassen können. Die „imm“, so scheint es, hat sich nun endgültig als Bühne für Neuheiten verabschiedet und ist zum reinen Umschlagplatz für das geworden, was bereits im vorherigen April in Mailand präsentiert wurde. Für die Händler mag dies durchaus akzeptabel sein, doch für die Presse ergibt sich dadurch ein enormes Problem: Mailand ist bereits jetzt nicht mehr fassbar mit seiner unüberschaubaren Ausstellerliste auf der Messe, den zahlreichen externen Ausstellungen und über 400 weiteren Events, die an fünf Tagen parallel zueinander auf die Aufmerksamkeit der internationalen Besucher hoffen. Köln hat hierbei immer die Rolle eines Ventils eingenommen, das einen Teil des Mailänder Premierenrummels vorwegnahm und somit für einen gesunden Ausgleich sorgte. Denn auch wenn beide Standorte in großer Konkurrenz zueinander stehen, ist ihr Verhältnis dennoch symbiotisch. Mailand braucht Köln, um nicht maßlos auszuufern und Köln braucht Mailand, um nicht in Stillstand zu verfallen. Die derzeitige Schwäche von Köln, zumindest was den kreativen, nicht den kaufmännischen Geist der Messe anbelangt, schadet dagegen beiden Standorten.

Reise in die Vergangenheit

Was in den Messehallen geboten wurde, war eine lose Sammlung aus den letzten fünf Jahren, gemischt mit zahlreichen Neuauflagen historischer Entwürfe aus den Firmenarchiven. So hat Zanotta beispielsweise, pünktlich zum Jubiläum der 68er Bewegung, den Sitzsack wieder aufgelegt oder Ligne Roset eine Sofakollektion, die Pierre Paulin einst für das Interieur des Elysée-Palastes 1973 in Paris entworfen hatte. Vitra präsentierte den klassischen Eames Lounge Chair erstmals mit einem weißen Innenfutter aus Leder und gab ihm damit eine frische, zeitgemäße Note. Fast jeder Hersteller, dessen Wurzeln weit genug zurückreichen, griff auf mindestens ein oder zwei alte Bekannte zurück. Der Fokus auf die Vergangenheit wurde darüber hinaus auch durch die beiden Ausstellungen erhöht, die anstelle des früheren „ideal house“ Projektes etwas lieblos auf dem zentralen Messeboulevard ausgestellt wurden. War die eine den Höhepunkten aus 50 Jahren „compasso d’oro“ (goldener Kompass) gewidmet, dem wichtigsten Designpreis Italiens, stellte die andere das deutsche Design der vergangenen 50 Jahre in den Mittelpunkt. Auch hier wurde nicht chronologisch sortiert sondern die Dekaden bewusst miteinander gemischt. Wohl in weiser Voraussicht auf wenig Neues wurde von der Kölnmesse diesmal als Ausgleich der niederländische Stararchitekt Ben van Berkel mit der visuellen Neugestaltung der Halle 11 beauftragt. Er entwarf eine Art Leitsystem aus verschieden farbigen Teppichen, die sich wie Straßen durch die dreigeschossige Halle zogen. Auf Ebene 3, wo auch die „Art of kitchen“ Ausstellung zu finden war, präsentierte van Berkel zusätzlich den mit 54 Metern "Längsten Tisch der Welt“. Als hybrides Mischwesen verbindet er mit seinen unterschiedlichen Sitzhöhen die Esskulturen aus allen Teilen der Welt in einem einzelnen zusammenhängenden Möbel, das Tisch und Sitzfläche in einem ist.

Die Highlights der Messe

Verharrte der Großteil der etablierten Marken in der Vergangenheit, schlugen vor allem die jungen Designer in der Halle 2.1 die Brücke in die Gegenwart. Die Sitzliege des deutschen Designers Christoph Völker mutet auf den ersten Blick wie ein Entwurf aus den 70er Jahren an, ist jedoch mit einer Andockstation für den Ipod ausgestattet sowie mit integrierten Lautsprechern versehen. Das futuristische Bett des Lichtensteiner Designers Günther Thöny wirkt wie ein riesiges Kokon, das die Farbe seiner Beleuchtung variieren kann und über Massagefunktionen verfügt. Die Sitzlandschaft der 70er hat die Aachener Designerin Sandra Ribeiro Dobritzsch in ein Mischwesen aus Teppich und Sitzmöbel übersetzt. Und die bayerische Designerin Kati Meyer-Brühl hat ein Sofa nach dem Vorbild abgerundeter Kieselsteine entworfen und dabei auf eine besonders ökologische Produktionsweise geachtet. Einen raffinierten Weg der Herstellung wählte auch die Karlsruher Designerin Susanne Feldt, deren Porzellanserie auf Formen gestrickter Wolle basiert. Überraschend und intelligent ist die Lampe aus Wachs, die die beiden Potsdamer Designer Aylin Kayser und Christian Metzner entworfen haben. Je höher die Leistung der Glühbirne, desto schneller schmilzt der Schirm der Lampe davon und löst sich schließlich auf. Das österreichische Designteam Buchegger, Denoth, Feichtner hat einen Tisch konzipiert, der sich zu einem Stuhl aufklappen lässt und im Inneren über ein ergonomisch geformtes Polster verfügt. Zu den etwas etablierteren Designern gehört der Franzose Pascal Mourges, dessen Tisch mit seiner durchlöcherten Tischplatte an einen kleinen Baum erinnert. Und die Mailänder Stardesignerin Patricia Urquiola hat das Geflecht klassischer Kaffeehausstühle in ihre großzügig dimensionierte Kollektion von Gartenmöbeln übertragen. Ein weiterer Schwerpunkt der Messe war in diesem Jahr die "Art of kitchen" Ausstellung in Halle 11.3. Hierbei sind vor allem die von Porsche Design entworfene Küche für Poggenpohl sowie eine neue Armaturenserie von Sieger Design für Dornbracht zu erwähnen.

Jenseits des Messebetriebes

Interessantes bot auch diesmal das Passagen-Programm, das sich parallel zur Messe auf das gesamte Stadtgebiet erstreckte. Hier konnte vor allem Mike Meiré mit einer Installation für Dornbracht überzeugen, bei der Architektur durch Klang erlebbar gemacht wurde. In einem abgedunkelten Raum konnten die Besucher drei Filme verfolgen, die an die Decke projiziert und jeweils von einem eigens komponierten Soundtrack begleitet wurden. Jeder der Filme nahm eine Badserie des Unternehmens als Ausgangspunkt, die in abstrakte computeranimierte Formen übersetzt wurden, die sich über die Spieldauer einer knappen halben Stunde immer wieder transformierten und dabei eine geradezu meditative Wirkung entfachten. Dornbracht ist hierbei der Spagat gelungen, einerseits auf der Messe relevante Neuheiten zu zeigen und andererseits im Stadtraum einen Gegenpol zu inszenieren, der nicht nur Umsatzzahlen in den Mittelpunkt stellt sondern jene Kultur, die sich mit den Produkten der Firma verbindet. Einen weiteren Aspekt hat die amerikanische Designerin Johanna Grawunder mit ihrer Möbelkollektion „I’m bringing sexy back“ in der Designer’s Gallery von Gabrielle Ammann eingebracht. Farbiges Licht wurde hier in Möbel integriert und erzielt damit zugleich eine emotionale Qualität. In limitierten Editionen werden ihre Entwürfe zu begehrten Sammlerstücken, die die Grenze zwischen Design und Kunst bewusst verwischen.
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