Licht-Aktivisten sorgen für Erleuchtung

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Text: Katja Neumann, 09.10.2009


Es leuchtet und blinkt, es ist bunt und hell – viele Großstädte pflegen nicht zuletzt durch Licht ihr Image als pulsierende Metropolen. Ob Times Square oder Piccadilly Circus, die überflutenden Leuchtreklamen sind nach wie vor Touristenmagnete und gehören inzwischen ebenso zum Stadtbild wie die Freiheitsstaue oder der Big Ben. Doch das bunte Spektakel hat auch seine Schattenseiten: Wo jedes noch so kleine Ladenlokal einen leuchtenden Schriftzug über dem Eingang platziert, verbraucht die Dauerbeleuchtung nicht nur Unmengen von Energie, sie ist auch maßgeblich mit verantwortlich für das Phänomen der Lichtverschmutzung. Um auf die Energieverschwendung und die Belästigung durch zu viel Werbung aufmerksam zu machen, formierte sich im Sommer 2007 in Frankreich die Aktivistengruppe „Clan du Néon“. Ihre Mitglieder ziehen nachts durch die Straßen und knipst den Ladenlokalen einfach das Licht aus.


Die erste Leuchtreklame soll Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich entstanden sein. Und genau hier, formt sich rund 100 Jahre später Widerstand gegen diese Erfindung. Die Gruppe „Clan du Néon“ ging hervor aus den Aktionen zweier Freunde, die sich Dali und Bruce nennen, und die im Juli 2007 eine interessante Entdeckung machten: Aus Sicherheitsgründen befindet sich an fast jeder Leuchtreklame seitlich ein kleiner Hebel, der einfach nach unten gezogen werden kann. Schon ist das Schaufenster dunkel. Die ersten Lichtabschaltungs-Aktionen fanden auf der Rue de Rennes in Paris statt. Die „Clan du Néon“-Mitglieder filmten die Aktionen mit dem Handy und stellten sie ins Internet.

Öffentlichkeit per Video und Blog

So sieht man im Internet die nächtlich erleuchteten Straßen von Paris und einige junge Leute mit bunten Perücken und gelben Westen, die per Sprung oder Räuberleiter die Leuchtreklamen an den Geschäften ausknipsen. Unterlegt mit fröhlicher Musik, staunt der Betrachter des Videos – welches auf dem Portal YouTube zu sehen ist – mit welcher Leichtigkeit eine Leuchtreklame nach der anderen ausgeht. Und wie nach und nach die Straße wieder in der Dunkelheit versinkt.
Derlei Videos der Aktivistengruppe „Clan du Néon“ finden sich im Internet zuhauf, denn die Möglichkeiten des „Web 2.0“ wie Videoportal oder eigener Blog sind die Mittel, mit denen die Gruppe die Öffentlichkeit sucht, um auf ihr Anliegen aufmerksam machen. Denn Sinn und Zweck dieser Aktionen ist es, einen Dialog anzuregen über die Überbeleuchtung der Städte in der Nacht. Welchen Zweck erfüllt die Leuchtreklame, wenn die Kunden, die sich durch die Werbung angezogen fühlen sollen, schlafen? Eine durchaus berechtigte Frage in Zeiten von zunehmender Licht- und Umweltverschmutzung.

Zweierlei Maß?

Mit ihren Aktionen richten sich die „Clan du Néon“-Mitglieder zum einen gegen übermäßige Werbung, die als Belästigung, ja gar „Konsumterror“ aufgefasst wird, in erster Linie jedoch gegen die immense Stromverschwendung, die durch die Dauerbeleuchtung entsteht. Schließlich könnten Milliarden Euro gespart werden, würden die Schriftzüge nach Geschäftsschluss einfach abgeschaltet werden. Das eigenmächtige Ausschalten der Leuchtreklame durch die Aktivisten ist selbstredend nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, die Aktion selbst bezeichnen die Mitglieder daher eher als symbolische Tat „um ein Bewusstsein zu entwickeln, wie absurd eine Leuchtreklame um vier Uhr morgens in menschenleeren Straßen ist. Und das, wo wir alle die ganze Zeit versuchen, ein stärkeres Bewusstsein für unseren eigenen Energieverbrauch zu entwickeln“, heißt es im Blog der Gruppe. In den heimischen vier Wänden ist inzwischen schließlich jeder dazu angehalten, Energie einzusparen, sei es mit Energiesparlampen oder dass man einfach mal den Stecker zieht, statt Fernseher und Stereoanlage permanent auf Stand-by zu lassen. Energie sparen, Ressourcen und damit die Umwelt schonen, so tönt es aus der Politik. Angesichts der nächtlichen Überbeleuchtung der Innenstädte eine Aufforderung, bei der mit zweierlei Maß gemessen wird, so scheint es.

Nachahmer in 35 Städten

In der Internetgemeinde fanden sich sogleich Befürworter der Aktionen und schnell Nachahmer. Heute gibt es in rund 35 Städten in ganz Frankreich Gruppen, die nachts durch die Innenstädte laufen und den Geschäften die Neonreklame ausknipsen. Und das völlig legal. Denn das Licht auszumachen ist kein Straftatbestand, es fällt noch nicht mal unter die Kategorie Vandalismus, da nichts beschädigt wird. Die Ladenbesitzer müssen am nächsten Abend lediglich den Hebel wieder umlegen, um ihren Schriftzug leuchten zu lasen. Das ist alles.
Um jedoch allzu eifrigen Vertretern vorzubeugen, ruft die Gruppe in ihrem Blog dazu auf, keinesfalls die Beleuchtungen von Apotheken auszuschalten. Auch Geschäfte und Cafés, die noch geöffnet sind, sind Tabu, ebenso wie Straßenlaternen und andere Leuchten, die der Sicherheit dienen. Als eine Gruppe einmal die Beleuchtung an einem Bankautomaten ausknipste, führte dies zu regen Diskussionen im „Clan du Néon“-Forum, die Aktion wurde vielfach verurteilt.

Unterstützung von offizieller Seite


Nach zwei Jahren und einer wachsenden Fangemeinde, melden sich inzwischen auch offizielle Stellen zu Wort. Umweltverbände und der Verein der Hobby-Astronomen ANPCN befürworten die Aktionen und sogar der französische Umweltminister Jean-Louis Borloo bezeichnete die Aktivitäten von Clan du Néon im Fernsehsender Canal Plus als „sehr nette Sache“ und rief dazu auf, dass Städte mit gutem Beispiel voran gehen und an öffentlichen Gebäuden nachts für eine Stunde das Licht löschen sollten.
So haben die Aktivisten bereits ein Ziel erreicht: ein Bewusstsein für die Energieverschwendung durch nächtliche Leuchtreklamen zu schaffen und die Diskussion darüber anzuregen. Als nächsten Schritt wünscht sich die Gruppe eine gesetzliche Regelung zum Einsatz von Leuchtreklamen sowie die Selbstverpflichtungen der Geschäftsleute, nachts auf Leuchtwerbung zu verzichten. Doch bis es so weit ist, werden in Frankreich sicher noch viele Neonreklamen durch Menschen mit bunten Perücken abgeschaltet werden.

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