Marmor, Stein und Eisen – Design Miami Basel 2011

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Text: Norman Kietzmann, 23.06.2011


Weiter nach vorn: Die sechste Ausgabe der Design Miami Basel schloss unter der Leitung von Messechefin Marianne Goebl mit neuen Umsatzrekorden. 20.500 Besucher strömten in die fünftägige Schau, die erneut die Halle 5 des Basler Messegelände bespielte. Auch wenn die Arbeiten zeitgenössischer Designer überwogen: Ohne die Zugkraft Jean Prouvés sähe das Ergebnis anders aus.


Es mag Zufall sein. Vielleicht aber auch nicht: Denn der Name „Prouvé“ bezeichnet nicht nur den Übervater des französischen Designs. In der Sprache der Grande Nation steht das Wort zugleich für „bewiesen“ oder „nachweislich belegt“. Ein Möbel, das sich mit der Signatur Prouvés schmücken kann, ist auf diese Weise gleich doppelt ausgezeichnet. Es ist „Prouvé prouvé“.

Flüchtlingslager als Sammlerobjekt

Jetzt nehmen wir einmal an, dass dieser Herr Prouvé – der seine beeindruckend schönen wie hochfunktionalen Entwürfe eher mit dem Gestus eines schrulligen Ingenieurs als dem Glamour Pariser Salons ausführte – über diese Ausgabe der Design Miami Basel spaziert wäre. Er hätte nicht nur zahlreiche Möbel aus seiner gesamten Schaffenszeit gesehen. Selbst seine vorfabrizierten Architekturen haben es nun als Sammlerobjekte auf die Stände dieser Messe geschafft, darunter ein sechs mal sechs Meter große Tropenhaus für Flüchtinge aus dem Jahr 1944, das am Stand der Pariser Galerie Patrick Seguin tagtäglich auf- und wieder abgebaut wurde. Hätte er sich nicht in Grund und Boden geschämt für das, was dort aus ihm gemacht wurde?

Der demokratischste aller Modernisten, der schon zu Lebzeiten stets darauf achtete, dass seine Entwürfe nicht wie die von Mies, Gropius oder Corbusier als hochpreisige Accessoires an neureiche Sammler verhökert werden, ist nun selbst zum obersten Maskottchen limitierter Editionen geworden, das für verlässliche Umsätze sorgt. Die Galerie Seguin verkaufte Prouvés „Esszimmer“ für 140.000 Euro an einen amerikanischen Sammler, ein Tisch mit sechs Stühlen ging bei der Galerie François Laffanour für 120.000 Euro an einen Schweizer Sammler, während sein Entwurf für eine demoniertierbare Schule von Villejuif (1956-1957) gar als Messestand der Pariser Galerie Philippe Jousse diente.

Aus dem Kontext gerissen

Natürlich kann man einwenden, dass all dies mit rechten Dingen zugeht. Preise sind schließlich die Quersumme aus Angebot und Nachfrage. Dass selbst ein Flüchtlingslager für Kriegsopfer eine siebenstellige Summe kostet, klingt irgendwie fair, da es ja nur noch ein einziges davon gibt, und der Entwurf tatsächlich in den wirren des Zweiten Weltkrieges einmal hungrigen Kindern als Unterschlupf diente. Er ist also authentisch belegt. Doch wo liegt hier die Grenze? Bei Arbeiten von Art Déco-Gestaltern wie Emile-Jacques Ruhlmann, Jacques Adnet oder Jean-Michel Frank, die die Preistabellen für Möbel schon seit Jahren weithin anführen, ist dies etwas anderes. Denn ihre Entwürfe wurden als Einzelstücke für vornehme Pariser Wohnungen in Auftrag gegeben, als solche angefertigt und machen dort noch immer eine gute Figur. Doch Prouvé? So sehr das Interesse an ihm zu begrüßen ist: Wo sind hier die Institutionen und Museen, die Entwürfe wie sein Flüchtlingslager so schnell wie möglich vom Markt nehmen und sie dort positionieren, wo sie hingehören: ins französische Nationalarchiv oder in das noch immer fehlende aber – wie derzeit in Paris gerüchteweise gemunkelt wird – vielleicht doch in Planung befindliche Designmuseum?

Verlässliche Umsätze

Auch andere Entwürfe aus der Zeit Prouvés standen hoch im Kurs. So zeigte die Berliner Galerie Ulrich Fiedler einen schönen Schreibtisch von Friedrich Kiesler, einen Stuhl von Conti, Grassi, Forlani (verkauft für 35.000 Euro) sowie einen Stuhl von Carlo Mollino, der für 100.000 Euro verkauft wurde. Die Pariser Galerie Doria zeigte einen fünfflächigen Paravent, den Louis Barillet (1880-1948) 1928 für eine von Rob Mallet Stevens eingerichtete Wohnung in Paris anfertigte und unterschiedliche Arten transluzenten Fensterglases miteinander kombinierte. Auch die Werkstatt Le Corbusiers erzielte verlässliche Preise, darunter ein Tisch von Pierre Jeanneret, der bei Philippe Jousse für 150.000 Euro verkauft wurde, sowie ein Tisch von Charlotte Perriand, der für 28.000 Euro einen neuen Besitzer fand. Nach wie vor in einer anderen Liga spielt französisches Art Déco der dreißiger und vierziger Jahre, darunter ein Sofa, ein Sessel sowie ein Sitzkissen von Jean Royere Ours Polaire, die zusammen für 750.000 Euro an einen amerikanischen Sammler gingen.

Moderater ging es derweil bei den zeitgenössischen Entwürfen zu. So konnte die Pariser Galerie Kreo eine Bank und Konsole von Pierre Charpin für jeweils 28.000 Euro verkaufen, während ein Coffee Table aus derselben Serie 24.000 Euro erzielte. Der von Konstantin Grcic entworfene Tisch Monroe Champion, der mit seinen poppigen, neonartigen Farbverläufen an die Ästhetik getunter Autos anknüpfte, fand für 36.000 Euro einen Besitzer. Der Londoner Designer Max Lamb, der eine Soloausstellung am Stand der  New Yorker Galerie Johnson Trading inszenierte und massive Steinblöcke mithilfe gezielter Einschnitte in Möbel verwandelte, konnte einen Stuhl für 35.000 Euro, zwei Beistelltische für 28.000 Euro sowie eine Sitzbank für 18.000 Euro absetzen.

Leuchtende Ecken

Die Verknüpfung zwischen Raum und Möbel zeigen nicht nur die vorfabrizierten Architekturen Prouvés oder der raffinierte, gläserne Paravent von Louis Barillet. Auch heutige Gestalter erforschen die Schnittstelle zur Architektur und erobern jenen Ort, der vom Design bislang fast vollständig ignoriert wurde: die Ecke. So zeigte die Berliner Galerie Karena Schuessler die Skulptur Eckenschoner des Künstlers Andreas Grahl, die als ein Aluminiumpaneel im Winkel von 45 Grad in die Ecke eines Raumes montiert wird. Auch die Amerikanische Lichtkünstlerin Johanna Grawunder entwickelte für die Londoner Galerie Carpenters die Leuchte Corner Light, die mithilfe zweier Leuchtröhren, die hinter angewinkelten Aluminiumpaneelen verborgen sind, dunkle Ecken gezielt zum Leuchten bringt.

Und dennoch: Nicht nur zahlenmäßig spielen viele der neuen Entwürfe in einer weitaus bescheideneren Liga, sie bleiben vor allem aus gestalterischer Sicht recht blass. Den Grund liefert der Blick auf einen der umliegenden Prouvés. Während die Entwürfe des Franzosen für den Gebrauch entworfen wurden und sie ihre gestalterische Qualität im Alltag unter Beweis gestellt haben, tappen viele neue Arbeiten in jene Falle, die ihnen das Umfeld limitierter Editionen stellt. Entwürfe wie die mit Perlmutt überzogenen Tische und Sideboards der Koreanerin Kang Myung Sun (für Seomi Gallery, Seoul) oder die steinerne Möbelserie Max Lambs verlieren sich in purer Materialität, die aus gestalterischer Sicht keinen Sinn ergibt. Wenn die Entwurfsidee in der Fragestellung liegt „Wie mache ich ein Ding möglichst teuer, damit der Galerist den Sammlern auch den gesetzten Preis abnehmen kann?“, mag dies am Markt funktionieren. Allerdings nur kurzfristig. Schließlich gehen auch die Sammlerpreise im Design nur aufwärts, wenn die Entwürfe über ihren reinen Materialwert hinausgehen. Authenzität durch Funktion lautet das Stichwort, das wahrscheinlich selbst den mürrischen Herrn Prouvé wieder gnädig gestimmt hätte.

Raue Neuauflage

Ergänzt wurde die Design Miami Basel – die in diesem Jahr erstmals unter der Leitung der neuen Messechefin Marianne Goebl stattfand, die damit die Nachfolge der Design Miami Mitbegründerin Ambra Meda antrat – um zwei weitere Schauen in Weil am Rhein. Bereits wenige Tage vor der Messe eröffnete das Vitra Design Museum einen weiteren Ausstellungsraum, der 1989 als Museumsshop ebenfalls von Frank O. Gehry entworfen wurde und das Designmuseum – wo derzeit die Retrospektive Zoom: Italienisches Design und die Fotografie von Aldo und Mariosa Ballo zu sehen ist – mit kleineren Ausstellungen ergänzen soll. Den Auftakt macht derzeit die Schau Enamels mit Vasen, Schalen und Becher aus Emaille, die Ettore Sottsass in der zweiten Hälfte des Jahres 1958 entwickelt hatte. Mit ihren sinnlichen Farben und archetypischen Formen wirken sie wie ein Vorgeschmack auf die spätere Memphis-Phase – jedoch mit einem zeitlichen Vorsprung von rund 20 Jahren. Sottsass, der parallel zu den Emaillen den ersten Computer für Olivetti entwickelte, testete die Qualitäten einer handwerklichen und auf nur wenige Exemplare limitierten Produktion bewusst aus.

Dass Sinnlichkeit ebenso auch im Seriellen zu finden ist, zeigt die Schau Prouvé RAW in Zaha Hadids Feuerwehrhaus. In Kooperation zwischen Vitra und dem Jeanshersteller G-Star wurde eine Neuinterpretation von 17 Entwürfen Jean Prouvés vorgestellt, bei der auf den Einsatz von Denim sowie den Aufdruck von Logos glücklicherweise verzichtet wurde. Verändert wurden dagegen die Farben, Stoffe und Behandlungen der Oberflächen. So zeigen sich die metallenen Füße der Stühle, Hocker und Schränke in einem frischen Grau, das als matte Pulverbeschichtung zum Einsatz kam, während für die Sitzbezüge eine raue, grauweiße oder dunkelgraue Bauwolle zur Auswahl steht. Limitiert sind diese Entwürfe auch, wenngleich nur auf einen zeitlichen Rahmen von einem Jahr. Ob dies den Prouvé-Entwürfen auf der Design Miami einen Abstrich geben wird? Sicherlich nicht, schließlich sind ihre Preise längst prouvé.

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