Niederlande hochgestapelt

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Text: Jeanette Kunsmann, 15.08.2014

Die deutsche Architektur sei technologisch, die französische elegant und die belgische minimalistisch – so fasst Nathalie de Vries von MVRDV die nationalen Klischees europäischer Baukultur kokett zusammen. Aber gibt es so etwas überhaupt, eine nationale Architektur? Am Beispiel des Superdutch haben wir ein Phänomen des vorvergangenen Jahrzehnts untersucht, eine Reihe verschiedener holländischer Protagonisten gefragt und damit eine Debatte ausgelöst: War alles nur „eine Kopfgeburt der Medien“, oder hat die niederländische Architektur eine spezifische Identität?
 
Irgendwann hat es sich verändert – ebenso schleichend, wie alles begann. Holland, diese kleine Nation mit ihren rund 17 Millionen Einwohnern entwickelte sich durch den kolossalen Wirtschaftsboom Ende der neunziger Jahre in ein Architekturwunderland der Superlative. Die Protagonisten des Superdutch gelten als eine „Liga außergewöhnlicher Gentlemen“: Allen voran steht das Büro OMA (gegründet 1975) und Rem Koolhaas, als Direktor der diesjährigen Architekturbiennale immer noch der unbestrittene König seiner Zunft. Und schaut man in sein aktuelles Portfolio, staunt man nicht schlecht, wie viele OMA-Projekte in den nächsten Jahren fertig gestellt werden. Es folgen Architekturbüros wie Benthem Crouwel (1979), Wiel Arets Architects (1983), Mecanoo (1984), West 8 (1987), Neutelings Riedijk (1987), Ben van Berkel mit seinem UNStudio (1988), KCAP (1989), die dieses Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum feiern, MVRDV (1991), das Künstlerkollektiv Atelier van Lieshout (1995), NL Architects (1997) und Rapp + Rapp (1999).

Die Geister, die er rief
Für diese „Zweite Moderne der niederländischen Architektur“ prägte Bart Lootsma zur Jahrtausendwende mit seinem Sammelband den ironischen Begriff des Superdutch – und wird ihn seitdem nicht mehr los. „Seit 15 Jahren lebe ich in Österreich“, erklärt Lootsma. „Die niederländische Architektur verfolge ich nur aus der Ferne. Ich bin überrascht, dass ich fast wöchentlich an Superdutch erinnert werde.“

Internationale Realisten
Lootsmas These des Superdutch basierte nicht auf der Annahme, dass sich in den Niederlanden Ende der Neunziger mehr Talente als anderswo versammelten, sondern darauf, dass diese Talente eben einfach mehr Chancen bekamen. Er sieht das Phänomen in einem globalen Kontext: „Die Kraft der niederländischen Architektur der neunziger Jahre liegt darin, dass sie den Anschluss an den internationalen Diskurs gefunden hat, ohne die typischen niederländischen Qualitäten des Realismus und der Sachlichkeit aus den Augen zu verlieren.“

Außergewöhnliche Gentlemen
„Zu Superdutch gehörte zunächst eine ziemlich überschaubare ‚Liga außergewöhnlicher Gentlemen‘“, meint Kamiel Klaase von NL Architects. „Wir sind dann erst später mit unserem ersten Projekt WOS8 quasi ins Korrekturverzeichnis von Barts Buch aufgenommen worden.“ Heute sieht Lootsma diesen Superlativ als verloren an. „Superdutch war wahrscheinlich das letzte Buch über eine nationale niederländische Identität in der Architektur. Es war aber damals schon ein Buch über die Auflösung dieser nationalen Identität.“

Auch fette Jahre gehen vorbei
Auf den ersten Blick sieht es so aus, als könnte Lootsma mit seinem Fazit richtig liegen – alles hat seine Zeit. Wenn einer Statistik nach im Jahr 2000 mehr als drei Viertel aller Bauten in den Niederlanden nach 1945 entstanden sind, stagnierte dieses rasante Wachstum nach der Jahrtausendwende. Seit 2007 ist das Auftragsvolumen für niederländische Architekten um bis zu 70 Prozent geschrumpft, 40 Prozent der Architekten mussten ihren ursprünglichen Job aufgeben. Schlechte Aussichten für den Nachwuchs der niederländischen Elite-Architekturfakultäten also? Nein. Gerade raue Zeiten können eine Herausforderung an den holländischen Optimismus sein.

Neue Radikale
Die großen Popstars sind keine One-Hit-Wonder und bleiben auf der Bildfläche. Während OMA, MVRDV und UNStudio schon lange international tätig sind und ihre Honorare hauptsächlich in Asien verdienen, müssen kleinere Büros wie NL Architects von Boom auf Sparflamme umschalten. Belgien und Deutschland werden interessant, denn hier wird noch gebaut. Die jungen Architekten denken heute nicht mehr in Großprojekten, mit denen OMA oder MVRDV einst bekannt wurden – sie haben sich eher auf besondere Nischen spezialisiert.

Die Waffen der Architektur
RAAAF zum Beispiel, wieder eine dieser kryptischen Abkürzungen. Dahinter steckt die Rietveld Architecture-Art-Affordances von den Brüdern Ronald und Erik Rietveld, zuvor bekannt als Rietveld Landscape. Diese haben mit ihren Projekten neue Ansätze in der Architekturproduktion entwickelt. Bekannt durch Vacant NL, dem niederländischen Beitrag auf der Architekturbiennale 2010 in Venedig, arbeiten der Prix-de-Rome-Architekt Ronald Rietveld, der Philosoph Erik Rietveld und die Architektin Arna Mackic seit der Gründung von RAAAF 2006 an einer Kreuzung aus Architektur, Kunst und Wissenschaft. Das klingt abstrakter als es ist. Der „Bunker 599“, den RAAAF 2010 zusammen mit den Künstlern von Atelier de Lyon als ein kluges und radikales Denkmal an der A2 in der Nähe von Utrecht realisiert haben, ist so ein Beispiel. Der massive Bau ist einer von insgesamt 700 Bunkern der sogenannten „Holländischen Wasserlinie“. Diese Verteidigungslinie diente von 1815 bis 1940 zum Schutz des niederländischen Staatsgebiets: Im Verteidigungsfall konnte das Land 40 Zentimeter hoch geflutet werden. RAAAF haben innerhalb von 40 Tagen eine Schlucht in den als unzerstörbar geltenden Betonbunker geschnitten und so das Innenleben sichtbar und begehbar gemacht. Mit der „Secret Operation 610“ für den Militärstützpunkt Soesterberg haben die Rietveld-Brüder 2013 ebenfalls eine Erinnerung an den Krieg geschaffen, diesmal aber nicht als massives Denkmal, sondern als eine mobile Maschine: ein mysteriöses und brutales Objekt, ausgestattet mit den Waffen des Kalten Krieges.

New Arrivals der niederländischen Architektur!
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Luxus und Bescheidenheit
Ganz anders zeigen sich die Wohnungs-Neubauten vom Studio Powerhouse Company des Niederländers Nanne de Ru und des Franzosen Charles Bessard. Die beiden haben sich während ihres Masterstudiums am Berlage-Institut kennengelernt und 2005 ihr eigenes Büros gegründet. Das Duo entwirft und baut eher klassische Wohnhäuser in Holland und Dänemark – gerne mal mit Satteldach, allerdings formal verfremdet. Ihre Architektur kratzt am Widerspruch zwischen Luxus und Bescheidenheit und zeigt einen abenteuerlichen Umgang mit kleinen Budgets. Das Atelier Kempe Thill, 2005 vom NAi als Dutch Architect oft the Year ausgezeichnet, besteht gar nicht aus Niederländern. Die ostdeutschen Architekten André Kempe und Oliver Thill haben ihr Büro in Rotterdam, weil für sie hier 2000 mit ihrem Europan-Entwurf für 300 Wohnungen im Stadtgebiet Kop van Zuid alles begann. Heute ist das Büro – die Krise von 2004 ist längst überstanden und die „Two Man Band“ auf 20 Mitarbeiter angewachsen – vor allem für seine Wohnbauten bekannt.

Big is still beautiful
Und die großen Meister? Profitierten von ihrem Superdutch-Image und zeigen immer noch, wie es geht – nicht nur in Asien: OMA feierten Anfang 2014 mit ihrem Neubau De Rotterdam ein gelungenes Comeback an ihrem Hauptstandort. Unbescheiden groß bleiben auch MVRDV, ebenfalls in Rotterdam: Anfang Oktober wurde ihre Markethall eröffnet, ein 100.000 Quadratmeter großer Hybrid aus Wohnen und Wochenmarkt. Dieser folgt Projekten wie dem Book Mountain (2012) in der Gemeinde Spijkenisse und der Glass Farm (2013) in Schijndel bei Eindhoven.

National international
Aus der Superdutch-Ära ist etwas Anderes und Neues gewachsen: ein vielschichtiger Optimismus, der sich vor allem an einer besonderen Herangehensweise an die Aufgaben zeigt. Und das zu Recht nicht ohne Selbstbewusstsein. Auch wenn sich Büros wie MVRDV oder Powerhouse als „europäisch“ bezeichnen, bleiben ihre Wurzeln in den Niederlanden bestehen. Neben den alten Meistern stehen heute die neuen Radikalen, vermischen sich und fragmentieren so das Bild der aktuellen niederländischen Architektur, die natürlich nicht für eine nationale Ästhetik steht, sondern für einen spezifischen State-Of-Mind. Ein Label braucht es dafür nicht.

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