Die Zukunft ist Patchwork

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Text: Stephan Burkoff, Foto: Anikka Bauer, Daniele Manduzio, 19.04.2013


Werner Aisslinger und sein Home of the Future: Mit seiner ersten Einzelausstellung thematisiert er das Wohnen der Zukunft auf unvorhergesehene Weise. Der Designer als Künstler. Endlich darf er Antworten geben, nach denen keiner gefragt hat, und Fragen stellen, auf die es keine Antworten gibt.

Als wir Werner Aisslinger am Ausstellungsort, dem Haus am Waldsee im Berliner Süden, treffen, herrscht absolutes Chaos. Außer einer Fassadenverkleidung, deren Intention wir später erläutern, scheint nichts wirklich fertig zu sein. Einen Tag vor dem ersten öffentlichen Pressetermin wird überall gepinselt, gebastelt und geklebt. Dennoch nimmt sich der Designer Zeit für einen Rundgang durch die Ausstellung, die aus konzeptionellen Installationen und fertigen Produkten bestehen wird.

Visuelle Sozialisation

Im Erdgeschoss des Hauses, dem Entree, wird man von einer mehrere Wände umspannenden Collage empfangen. Sie bildet nicht nur räumlich den Ausgangspunkt der Ausstellung, sondern ist eine Sammlung von Bildern, die man als visuelle Sozialisation Aisslingers bezeichnen könnte. Sie ist die Basis, von der aus er sich seiner Aufgabenstellung konzeptionell nähert. Die Aufnahmen zeigen oft geschwungene Formen und Ellipsen, für die einige seiner Entwürfe bekannt sind, aber auch Designikonen und Persönlichkeiten, Architektur, Autos, Science-Fiction – Zeitgeist-Motive der 60er,70er und 80er Jahre.

Was sie eint, ist, dass sie jeweils so etwas wie eine Zukunftsvision, eine Idee von Morgen enthalten – aus Sicht unterschiedlicher Dekaden. Allesamt sind sie entstanden in einer stark visuell geprägten Welt. „Das ist die Zukunft!“, rufen sie. Alles muss immer höher, schneller, greller, toller, perfekter sein. Konsumgüter, Medien, Marken sagen uns von oben herab in diesen Bildern, was unsere Zukunft ist und wie sie aussehen wird.

Die große Frage

Werner Aisslinger betrachtet die Welt aus genau entgegengesetzter Perspektive. Nicht von oben herab, sondern von der Sache ausgehend. Von innen heraus. Die ausgestellten Objekte und Ideen sind deshalb nicht als ein Entwurf der Zukunft zu verstehen, sondern bilden jeweils nur einen Teilbereich ab, sind nur eine mögliche Antwort auf eine winzige Facette der großen Frage nach dem Morgen.

Dabei gehen seine Konzepte umso konkreter auf bestimmte Aspekte und Aufgabenstellungen ein, ohne sie jedoch allzu fest zu umreißen. Beispielweise, wenn ein Badezimmer, das mit einem von Wüstenkäfern inspirierten Hightech-Textilien verkleidet ist, den beim Duschen entstehenden Wasserdampf in Pflanzenbehälter weiterleitet. Oder wenn in einer Küche in Regalen von Flötotto von Zierfischausscheidungen gedüngtes Gemüse wächst. Aisslinger widmet sich mit einem Entwurf dem veränderten Freizeitverhalten und heutigen Wohnbedürfnissen, indem er mit einer Installation die klassische Familie-Fernseher-Frontalsituation und den digitalen Lifestyle in Frage stellt und konstruiert in einem weiteren Exponat mit einem Kokon aus Waben ein archaisches Wohlfühlerlebnis der selbstgewählten Einsamkeit.

Viele kleine Antworten

Nachhaltigkeit spielt für Aisslinger im Haushalt der Zukunft ebenso eine Rolle wie der intelligente Einsatz vorhandener Materialien. So werden im Obergeschoss des Ausstellungshauses Produkte und Einzelstücken gezeigt, die bekannte Werkstoffe auf unkonventionelle Weise nutzen; und mittels Skizzen und Anschauungsmaterialien wird der Weg von der Inspiration bis zum fertigen Produkt illustriert. Die Zukunft, so sagt Werner Aisslinger mit seiner Ausstellung, besteht nicht mehr aus einer Vision. Sondern aus unendlich vielen kleinen Visionen, Konzepten und Ideen, die sich wie ein Flickenteppich zusammenfügen. Es gibt keinen Masterplan. Und wenn es einen gibt, so lautet er Diversität. Materialtransfer, Upcycling, einfache, preiswerte Lösungen, unkonventionelle Denkmuster und Lösungswege. Die Zukunft ist immer weniger Perfektion, kein vorgefertigter Entwurf, sondern individuell, dynamisch und vielseitig. Alles ist vernetzt. Die Zukunft ist Patchwork.

Insofern stellen sich die Fassadenverkleidung des Haus am Waldsee und ein ebenso liebevoll ummantelter Porsche vor dem Portal als subtiler Hinweis heraus, der sich erst im Gesamtkontext der Ausstellung erklärt. Sie zeigen, dass eine neue Verkleidung – in diesem Fall mit Stoffen von Kvadrat – eine Verpackung, eine Addition von Elementen aus alten Dingen etwas Neues machen kann. Der Porsche ist ein gutes Beispiel: Obwohl häufig die Rede ist von den immensen CO2–Emissionen alter Autos, ist der Altwagen immer noch umweltfreundlicher, als sich jedes zweite Jahr ein sparsameren neuen zu kaufen. Denn der ist mit einem massiven produktionsbedingten Carbon-Footprint behaftetet, der in einer oberflächlichen Betrachtung gar nicht berücksichtigt wird, so Aisslinger. Natürlich ist das kein Aufruf dazu, einfach alles einzupacken. Macht aber deutlich, wie Upcycling funktioniert. Dinge umzunutzen, zu ergänzen anstatt sie wegzuschmeißen – auch das ist Nachhaltigkeit.

Die Ausstellung Home of the Future ist keine Kunst, sondern bleibt Design. Werner Aisslinger ging es jedoch schon immer darum, Design im Dialog mit seinen komplexen kulturellen Bezügen zu betrachten. Auch mit seiner Ausstellung Home of the Future ist ihm dies auf intelligente und inspirierende Weise gelungen.



Ausstellung
Home of the Future
21. April bis 09. Juni 2013
Haus am Waldsee – Internationale Gegenwartskunst in Berlin
Argentinische Allee 30
14163 Berlin


Die Ausstellung wird von unseren Partnern Vitra und Axor unterstützt.
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