Prozessumkehr bei Alcantara

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Text: Markus Hieke

Alcantara ist ein Material mit Potenzial. Das Projekt Local Icons, das gerade im Maxxi Museum gezeigt wird, will die Vielseitigkeit des seit 1972 in Italien hergestellten Mikrofaserstoffs unterstreichen: vom Material zum Produkt. Geht das? Ein Ausstellungsbesuch in Rom

Andrea Boragno ist ein stolzer Geschäftsmann, Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer von Alcantara – Hersteller des gleichnamigen Materials. Und doch wirkt er etwas unbeholfen in seiner Rolle als Designbotschafter, als er im frühlingshaften Rom Anfang Februar die Ausstellung zum Projekt Local Icons. Urban Landscapes im Maxxi Museum eröffnet. Acht internationale Designstudios waren eingeladen, mit dem Material zu experimentieren und auf jeweils eigenem Weg ein Stück Heimat auf vier Quadratmeter zu übertragen. Im Gespräch verliert sich der Italiener in Floskeln. Die Ideen der Designer seien sehr inspirierend. Sie hätten „unzählige Wege gefunden, Alcantara in ihre Arbeiten zu integrieren.“

Umkehr des Designprozesses
Ja nun, inwiefern könnten die Exponate im Anschluss als Produkte Anklang finden? Ein Danach, so zeigt sich zu diesem Zeitpunkt, ist für Boragno weniger relevant als heute das Potenzial des Materials zur Schau zu stellen und damit den gewöhnlichen Designprozess umzukehren. In den meisten Industrie- und Produktdesignprojekten steht zu Beginn die Frage der Funktion: Welches Problem gilt es zu lösen und wie gelingt mir das? Nach Gestaltung der Form folgt die Entwicklung der Beschaffenheit, die Auswahl des Materials. Hier aber steht der letzte Schritt bereits fest – ein Unterschied, der bereits in der DNA der Firma steckt.

Entdeckung der Möglichkeiten
Gegründet wurde das Unternehmen vor 45 Jahren. Zwei Jahre zuvor, 1970, entwickelte der Wissenschaftler Miyoshi Okamoto das samtig veloursartige Material für die japanische Firma Toray Industries, die sich die Herstellung des Kunststoffprodukts patentieren ließ. Seit Alcantara das Material unter Lizenz fertigt, wird dessen Potenzial in Etappen erkannt: Zunächst findet es als neuartiger „Stoff“ in der Bekleidungsindustrie Anklang, später im Bereich der Modeaccessoires. Ende der Siebziger ist Fiat die erste Automarke, die Alcantara im Interieur ausprobiert. Später folgt die Anwendung in der Raumausstattung. Seit 2005 führt das Unternehmen eine eigene Designabteilung. Neben der Automobilindustrie werden mittlerweile Flugzeuge und Yachten, aber auch Möbel mit dem Material gesattelt.

Luxury Made in Italy
Einziger Konkurrent sind Toray selbst, die das Material in den USA unter dem Namen Ultrasuede anbieten und denen auch Hauptanteile des italienischen Unternehmens gehören. Unter den beiden gilt Alcantara – Made in Italy – als Luxusmarke. Und so versteht sich auch, weshalb sich der Hersteller mit angesehenen und aufstrebenden Designern blicken lässt. Zum dritten Mal wird die Reihe Local Icons veranstaltet: Nach einem Fokus auf Rom im ersten und unter dem Motto east/west mit zehn Designern von London bis Taipeh im vergangenen Jahr, folgt nun north/south mit insgesamt acht Vertretern aus Helsinki, Stockholm, Chicago, New York, Mexiko-Stadt, Dakar, Rio de Janeiro und Santiago de Chile. Kuratiert wurde die Veranstaltung wie bereits in den Jahren zuvor von Giulio Cappellini und Domitilla Dardi.

Steven Haulenbeek aus Chicago
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Ergebnis des Projektes sind Metaphern, die das Lebensgefühl der jeweiligen Städte widerspiegeln. So inszeniert etwa der Brasilianer Gustavo Martini eine Wolke aus Fußbällen, die an das Jonglierspiel Altinha am Strand von Ipanema im Sonnenuntergang erinnert. Das Kollektiv Great Things to People würdigt mit seinem Projekt Geography of Integration die Bedeutung der Andenausläufer für die Bewohner der Hauptstadt Chiles und ahmt sie als computergenerierte Sitzhügel nach. Aus Mexiko stammt die Beobachtung von Liliana Ovalle, die in ihrer Arbeit Underlay, overlay auf die Vergangenheit ihrer Heimatstadt eingeht. „Mexiko-Stadt wahrt die Ruinen seiner präkolumbischen Geschichte und die Pracht des Templo Mayor“, erklärt die Designerin. Die Installation sei Tribut an die Architektur, die zum Großteil nur noch in Ruinen existiert. Der Einsatz der lasergeschnittenen Alcantara-Bahnen erinnert an die Tradition, das Stadtzentrum an Feiertagen mit perforierten Papierfahnen zu schmücken.

Eine Kuh schrieb Geschichte
Der Amerikaner Steven Haulenbeek beschäftigte sich unterdessen mit der etwas jüngeren Geschichte von Chicago, dessen Zerstörung infolge eines Feuers im späten 19. Jahrhundert zum vollständigen Neubau der Stadt führte. Es entstanden die weltweit ersten Wolkenkratzer. Der Legende nach habe eine Kuh den Brand ausgelöst, als sie mit dem Huf eine Laterne umstieß. Für Local Icons lässt Haulenbeek 18 Sitzkühe mit vergoldeten Hörnern vor der Skyline Chicagos weiden. Ganz zeitlos zeigt sich dagegen das schwedische Studio Form Us With Love, das auf einer Fläche aus farbigen Rechtecken typische Alltagsgegenstände präsentiert – jeweils mit einem Twist aus raffinierten Alcantara-Details, wie zum Beispiel den geflochtenen Korb an der Beerensammelharke, wie es sie so wohl nur in skandinavischen Ländern zu kaufen gibt.

Alcantara ist vielseitig, soviel steht fest. Und auch wenn die Arbeiten und das Material nicht immer zwingend im Zusammenhang stehen: Die Designer haben ihre Chance genutzt und erzählen eigene, persönliche Geschichten – mithilfe eines Mediums, das grenzenloser nicht sein könnte. Der Chef selbst verpasst den Aufsprung, fährt fort im Großgeschäft Automobil und Mode und sieht sich weiterhin „inspiriert“. Emotionen verkaufen Produkte, daran muss Andrea Boragno sich noch gewöhnen.

Zu sehen sind die Arbeiten noch bis zum 26. Februar 2017, danach sollen sie in weitere Städte wandern. Welche Stationen das sind, erfahren Sie bei Alcantara.

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