Qubique 2011: Déjà-vu auf dem Rollfeld

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Text: Norman Kietzmann, 01.11.2011


Das Ufo ist gelandet: Mit ihrer ersten Ausgabe konnte die Berliner Einrichtungsmesse Qubique eine stattliche Zahl an designaffinen Herstellern an die Spree locken. Das Gebäude des stillgelegten Flughafens Tempelhof bot einen stimmungsvollen Rahmen, wenngleich die fast vollständige Abstinenz von Neuheiten die Wirkung deutlich schmälerte. Die Frage bleibt: Wohin will diese Messe, die eigentlich gar keine Messe sein will?



Es klingt wie ein Rezept zum Thema Hip: Man nehme eine Handvoll trendiger Hersteller, mische diese mit bekannten Klassikern und würze das Ganze mit einer Auswahl hoffnungsvoller Jungdesigner. Als Garnitur kommen noch ein paar internationale Designgalerien hinzu und fertig ist das Leibgericht, pardon die neue Designmesse. So oder so ähnlich ließe sich das Konzept der Berliner Qubique beschreiben, die am vergangenen Samstag nach zwei Fachbesucher- sowie zwei Publikumstagen zu Ende ging.
 
In ihrer Erstausgabe wollte das neue Messeformat gleich jedem schmecken und bot ein bunt zusammengewürfeltes Potpourri von dem, was derzeit im Design als wichtig gilt. In drei Hangars sowie einer großformatigen Vorhalle versammelte die Qubique eine respektable Zahl an Herstellern zeitgenössischen Designs, darunter Arco, Arper, Bisazza, e15, Foscarini, Muuto oder Wilkhahn. Auch das Klassikerprogramm wurde durch die Teilnahme von Artek (Aalto), Avarte (Kukkapuro), Thonet (Breuer), Gubi (Adnet) sowie PP Møbler (Wegner) fließend eingewoben, während die verbliebenen Lücken von Jungdesignern und kleinen, aufstrebenden Labels geschlossen wurden.
 
Frage der Relevanz
 
„Keine weitere Möbelmesse, keine neutrale Verkaufsschau, sondern eine Plattform, auf der Handel und Vermarktung mit Kommunikation, Inspiration und Entertainment Hand in Hand gehen,“ versprach Matthias Schmid, Vorstand vom Messeveranstalter Offshow AG im Vorfeld und legte die Messlatte damit recht hoch. Vielleicht ein wenig zu hoch, wie der Blick durch die Hallen in der vergangenen Woche schließlich zeigte und damit die vorsichtig gesteckten Erwartungen vieler Besucher und Aussteller bestätigte. Denn trotz einer schlüssigen Auswahl der Unternehmen blieb der Ereignischarakter – mit Ausnahme vom morbiden und dennoch anmutigen Charme des Flughafens Tempelhof – weitestgehend aus. Der Großteil der Stände unterschied sich kaum bis überhaupt nicht von den Inszenierungen der großen kommerziellen Messen. Die Qubique wirkte auf diese Weise wie eine Kölner Möbelmesse auf Tournee, die zusammen mit einigen Messeständen aus Mailand und London in die Hangars des einstigen Zentralflughafens hineingebeamt wurde.
 
Weit schwerer als der Mut zur Inszenierung wirkte ein anderes Vakuum: So gut wie keiner der Aussteller hatte auch nur eine einzige Neuheit im Gepäck, sodass sich die tatsächlichen Messepremieren an einer Hand abzählen ließen. Die Qubique bot auf diese Weise kaum mehr als einen Überblick auf das, was zuvor bereits in Mailand, Köln oder London präsentiert worden war. Was den Berlinern zwar einen guten Querschnitt durch die aktuelle Designszene eröffnete, diente den Fachbesuchern kaum mehr als zur Auffrischung der eigenen Erinnerung. Ob sich damit eine Anreise aus halb Europa oder gar von Übersee rechtfertigen lässt, bleibt fraglich.
 
Rück- statt Ausblicke

„Wir sind hier aus Gründen der Sichtbarkeit und weniger, um neue Geschäfte abzuschließen“, brachte Maurizio Mussati, Chef des britischen Möbellabels Established & Sons, die Stimmung auf den Punkt. Dass die angesagten Londoner, die nicht nur von Branchenneulingen wie der Qubique, sondern ebenso von etablierten Messen und Designfestivals lautstark umworben werden, nach Berlin kamen, wirkte als Zugpferd für viele andere internationale Aussteller. Auch sie erhofften sich mit der Teilnahme eine stärkere Präsenz auf dem deutschen Markt, der Mussati zufolge als einziger in Europa zurzeit der Krise trotzt und sogar ein leichtes Umsatzplus verzeichnen kann.

In einem abgetrennten Bereich vom Hangar 7, wo sich einst die Feuerwache des Flughafens befand, zeigten Established & Sons eine betont sachliche Präsentation ihrer Neuheiten der vergangenen Mailänder Möbelmesse, gemischt mit einem Tisch, der vor sechs Wochen während des London Design Festivals vorgestellt wurde. Vitra präsentierte in Zusammenarbeit mit Minimum Wohnen die Prouvé-RAW-Kollektion, die bereits im Juni auf der Design Miami Basel ihre Premiere gefeiert hatte, während Bisazza die im April eröffnete Mendini-Ausstellung aus der Mailänder Triennale nach Berlin holte. Der Schweizer Elektronikhersteller Punkt stellte Jasper Morrisons neue Tischuhr vor (auch diese eine Mailänder Premiere), während De La Espada seinen gesamten Stand vom London Design Festival direkt an die Spree transportieren ließ. Leicht befremdlich wirkte unterdessen der Titel Haute Couture Design, mit dem die surrealistischen Arbeiten von Barnaba Fornasetti von der Messe beworben wurden, als wären limitierte Editionen ein Begriff aus grauer Vorzeit. Doch auch bei diesen Arbeiten handelt es sich um alte Bekannte, die während der Mailänder Möbelmesse vorgestellt worden waren.
 
Überschaubare Neuheiten

Die wenigen Neuheiten ließen sich nicht nur an einer Hand abzählen. Sie zeigten eine auffallende Affinität zum Boden, als wollten sie der Messe Halt verleihen. So stellte Vorwerk eine Erweiterung der Teppichfliesenkollektion FreeScale von Hadi Teherani vor. War das erste Fliesenmodell, das während der Kölner Möbelmesse 2010 eingeführt worden war, mit seiner rautenartigen Form vor allem für den Einsatz im Objektbereich konzipiert, wurde dieses nun in kleineren Dimensionen für den Wohnraum tauglich gemacht. Zwei zusätzliche Formen, darunter ein Dreieck mit geschwungenen Seitenflächen, erlauben eine weitaus spielerischere Anwendung, während Ausführungen in Leder sowie in Edelstahl einen wirkungsvollen Kontrast zur flauschigen Struktur des Teppichs erzeugen. Innovation auf dem Boden brachte ebenso der dänische Dielenhersteller Dinesen mit Heart Oak. Die natürlichen Risse des Holzes bleiben bei diesem Dielenformat erhalten und werden mithilfe winziger Schleifen aus Eichenholz geschlossen. Der Vorteil: Die Dielen können in noch größeren Breiten als bislang zum Einsatz kommen, während die unregelmäßig auf dem Boden verteilten „Pflaster“ ein markantes Muster erzeugen.  
 
Durchmischung mit Jungdesignern

Spannend wurde die Qubique vor allem dort, wo sich jüngere Designer und Hersteller unter die etablierten Marken mischten. So zeigte das Kopenhagener Label Nomess eine Kollektion aus schlanken Kleiderständern und leichten, hölzernen Aufbewahrungsboxen, während der italienische Textilhersteller Alcantara die Ergebnisse einer Zusammenarbeit mit Studenten der Berliner Universität der Künste präsentierte. In einem 140 Quadratmeter großen Seitenraum von Hangar 6 präsentierte das Netzwerk Create Berlin neben den eigenen Arbeiten einen kollektiv entworfenen Leuchtenschirm der Designer Flip Sellin, Martina Zeyen, Daniel Wahl sowie Ulrich Merz. Obwohl auf eine Stückzahl von 100 Exemplare limitiert, kostet der aus recyceltem Kunststoff hergestellte Stoffschirm bescheidene 39,90 Euro.
 
Als sinnvolles Messeformat erwies sich auch die von Hermann August Weizenegger initiierte „Black Box“, in der Prototypen siebzehn deutscher und internationaler Gestalter – darunter Ett la Benn, Werner Aisslinger, Martí Guixé oder Läufer & Keichel – präsentiert wurden. Der Zutritt war ausschließlich Herstellern und ihren Agenten vorbehalten, während sowohl die Presse als auch die Öffentlichkeit draußen blieben mussten. Eine wirkungsvolle Idee, um die Anwesenheit vieler Firmenchefs in eine gezielte Nachwuchsförderung umzuleiten und Prototypen nicht vorschnell in den Medien zu verheizen, solange der Weg in die Produktion noch in weiter Ferne liegt.
 
Qubique versus DMY

Spätestens an dieser Stelle überkam die Besucher ein zweites Déjà-vu-Erlebnis: Dies lag nicht allein daran, dass die Stände der etablierten Hersteller an andere Messen erinnerten. Auch die Präsentation der Jungdesigner ließ unweigerlich an den gerade erst im Juni zu Ende gegangenen DMY denken, der den Flughafen Tempelhof bereits zum zweiten Mal bespielt hatte. Es klingt beinahe ein wenig grotesk, dass die Qubique den Schulterschluss mit der Jungdesignerschau, die sich in ihrem achtjährigen Bestehen längst als feste Größe an der Spree etabliert hat, weder gesucht noch gewollt hat. Stattdessen musste das niederländische Büro Organisation Design, das seit 2010 das Jungdesignerfestival Ventura Lambrate im Rahmen der Mailänder Möbelmesse auf die Beine stellt, den Designnachwuchs auf die Qubique bringen.

Messe ohne Satelliten

 
Seltsam erschien auch ein anderes Verhalten: Nachdem der Standort Berlin in der Eigenwerbung der Qubique von Anfang an eine wichtige Rolle spielte, wirkte die eigentliche Messe wie eine nach innen gekehrte Auster. Statt eines Rahmenprogramms, mit dem das Geschehen wie in Mailand oder Köln am Abend auf die Stadt übertragen wird, gab es an jedem der vier Messeabende lediglich eine Veranstaltung im The Tent – einem auf dem Rollfeld platzierten Zirkuszelt, das als Restaurant, Konzertbühne oder Ort für Diskussionsrunden diente und dafür viel zu klein dimensioniert war. Dass auch hierbei nicht alles rund lief, zeigte die Eröffnungsparty gleich am ersten Abend. Der Grund war nicht nur, dass viele Aussteller und Designer es versäumt hatten, die separat notwendige Akkreditierung vorzunehmen und plötzlich draußen standen. Auch ließ das eiserne Sicherheitspersonal selbst Designer wie Konstantin Grcic, Sebastian Wrong oder die Initiatorin des Salone Satellite in Mailand, Marva Griffin Wilshire, für locker eine Viertelstunde vor dem Eingang warten, bis sie nach hektischen Handygesprächen von einem herauseilenden Verantwortlichen erlöst wurden.
 
Überwindung der Kleinstaaterei
 
Was bleibt also von dieser Messe? Die Qubique konnte in ihrer ersten Ausgabe klar von der Neugierde profitieren, die ihr von den Unternehmen und den Medien entgegengebracht wurde. Doch nicht wenige prominente Aussteller erhielten großzügige Rabatte auf die alles andere als günstigen Standmieten. Ob diese im kommenden Jahr durchzusetzen sind, bleibt fraglich. Mit der im Zweijahresrhythmus stattfindenden Büromesse Orgatec in Köln sowie der Design Biennale im belgischen Kortrijk werden gleich zwei etablierte Schwergewichte nicht nur die zeitlichen Kapazitäten für Ende Oktober blockieren. Auch die Messebudgets werden die Unternehmen nicht doppelt verteilen für eine Messe, die irgendwie ganz nett ist, aber bislang keine klare Orientierung bietet. Ihren Auftakt hat die Qubique damit durchaus gemeistert. Die eigentliche Bewährungsprobe folgt im kommenden Jahr.
 

Die Qubique im Designlines-Messe-Test:

 
1. Ein Designfestival, auf dem es keine neuen Produkte gibt, ist kein Designfestival. Ergebnis: Leider durchgefallen, da eine Neuheit pro Messehalle deutlich unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde liegt.

2. Ein Designfestival, auf dem es ausschließlich Prototypen gibt, ist kein Designfestival.
Ergebnis: Bestanden, da die Arbeiten professioneller Hersteller eindeutig überwogen und auch die Auswahl der Unternnehmen schlüssig war.

3. Ein Designfestival, das keinen Austausch mit der Industrie sucht, ist kein Designfestival. Ergebnis: Mit Bravour bestanden, da die Idee der „Black Box” eine ernsthafte Plattform für die Vermittlung zwischen Designern und potenziellen Produzenten bot.

4. Ein Designfestival, dessen Höhepunkt eine Diskussionsrunde ausländischer Gäste darstellt, ist kein Designfestival. Ergebnis: Leider duchgefallen, denn die Diskussionsrunde am zweiten Messetag, auf der Paola Antonelli mit Konstantin Grcic, Sebastian Wrong, Thomas Demand, Hella Jungerius und anderen diskutierte, war nett gemeint, konnte im zeitlichen Rahmen von einer Stunde jedoch nichts Grundsätzliches klären.

5. Ein Designfestival, dessen Termin parallel zu einer über Jahrzehnte etablierten Messe oder zu einem anderen Festival platziert wurde, ist kein Designfestival.
Ergebnis: Leider durchgefallen. Der Oktober ist mit Designmessen bereits bis zum Anschlag gefüllt und wird 2012 durch die Orgatec sowie die Design Biennale in Kortrijk zusätzlich verschäft. Auch inhaltlich sollte die Konkurrenzsituation zum DMY überwunden werden, da sich beide Konzepte – die Qubique als Plattform etablierter Hersteller und der DMY als Sprungbrett für den Nachwuchs – sinnvoll ergänzen. Synergien statt Kleinstaaterei heißt hierbei die Lösung. Hinzu kommt: Im Juni ist das Wetter ohnehin viel besser als im nasskalten Herbst.

6. Ein Designfestival, auf dem Bürgermeister Reden halten, ohne den lokalen Nachwuchs finanziell zu unterstützen, ist kein Designfestival.
Ergebnis: Bestanden. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hat sich ebenso zurückgehalten wie die finanziellen Mittel für den Nachwuchs.

7. Ein Designfestival, das nur aus Parties und „Events“ besteht, ist kein Designfestival.
Ergebnis: Bestanden, wenngleich die Situation ins andere Extrem umschlug. Ergo: Eine Designfestival ohne Satellitenveranstaltungen in der Stadt ist auch kein Designfestival und der gewonnene Punkt damit wieder weg.

8. Ein Designfestival, bei dem sämtliche Beteiligten auf Bierkisten herumlungern und gelangweilt ihren Facebook-Account auf ihren iPhones pflegen, ist kein Designfestival.
Ergebnis: Die Bierkisten fehlten, die iPhones nicht und eine nicht allzu kleine Besucherzahl wurde dabei ertappt – nachdem der Messerundgang in weniger als neunzig Minuten absolviert wurde – die verbleibende Zeit mit wahllosen Facebook-Posts zu überbrücken. Leider durchgefallen.

9. Ein Designfestival, dessen wichtigste Veranstaltungen von Wodka-, Gin- oder sonstigen Spirituosenherstellern ausgerichtet werden, ist kein Designfestival. Ergebnis: Bestanden, jedoch aus denselben Gründen wie Punkt sieben.

10. Ein Designfestival, das vom örtlichen Tourismusverband und nicht von der regionalen Wirtschaftsförderung ins Leben gerufen und unterstützt wird, ist kein Designfestival. Ergebnis: Bestanden, wenngleich auch hier nur mit einem zugedrückten Auge. Denn die Daseinsberechtigung für die Qubique liegt in einem Handel zwischen der Bread & Butter und dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, die Modemesse von 2009 bis 2019 zweimal jährlich in Tempelhof anzusiedeln. Eine dauerhafte Nutzung, wie von den Filmstudios Babelsberg einst vorgeschlagen, bleibt damit ausgeschlossen. Das Gebäude mit seinen 290.000 Quadratmetern Nutzfläche lässt sich somit lediglich mit weiteren Messen und Veranstaltungen bespielen. Die Qubique ist daher weniger das Ergebnis eines konkreten Bedarfs. Sie ist das Kind einer unglaublichen Menge leeren Raums.
 
Gesamtpunktzahl:
5 / 10
Note: Bestanden, aber versetzungsgefährdet


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