Viel Spas in Tokio

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Text: Claudia Simone Hoff, 24.07.2015

Aman, Andaz oder Park Hyatt. Tokios 5-Sterne-Hotellerie huldigt dem Wellness- und Fitnesstrend: mit Megapools und elaborierten Spa-Konzepten, die changieren zwischen Luxus und traditioneller japanischer Badekultur. Ob dieser Spagat gelingt? Für die Antwort sind wir ab- und wieder aufgetaucht.

Schon von Weitem ragt der Toranomon Hills Tower zwischen den üblichen zweistöckigen Wohnhäusern hervor. Er ist ein architektonisches Gebilde, wie es überall in Tokio zu finden ist: ein schier undurchdringliches Konglomerat von Shops, Cafés, Büros, Wohnungen und – einem Hotel. Es heißt Andaz Toranomon Hills und befindet sich in den oberen sechs Etagen des Turms.

Onsen reloaded
Der New Yorker Designer Toni Chi und der japanische Innenarchitekt Shinichiro Ogata haben das Interior des Hotels gestaltet: die öffentlichen Bereiche, die 164 Zimmer und Suiten sowie das Spa und den Poolbereich. Dabei haben sie Wert gelegt auf einheimische Traditionen, umgesetzt in großem Maßstab. Natürliche Materialien wie Washi-Papier und Hokkaido-Walnussholz kommen ebenso zum Einsatz wie traditionelle Elemente aus der japanischen Architektur und Kunst: dekorative Wandverkleidungen aus Origami-gefaltetem Holz (ohne Leim!), federleichte Schiebetüren oder Onsen-ähnliche Badewannen. Apropos Onsen: Das traditionelle japanische Bad, das sich aus heißen Quellen speist, darf natürlich auch im Andaz Tokyo AO Spa & Club nicht fehlen.

Über den Dächern: Andaz Tokyo
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Im Poolbereich – der sich auf 1350 Quadratmetern Fläche im 37. Stock befindet – sind drei kubische, von hohen schwarzen Steinmauern umgebene Becken angeordnet. Während man sich die Anstrengungen des Tages im Ozon-angereicherten Wasser vom Leibe wäscht, hat man zuvor seine Bahnen im Infinity Pool gezogen – gelegentlich abgelenkt von der grandiosen Aussicht. Die bietet sich auch in den Spa-Behandlungsräumen, die mit privaten Badezimmern und Terrassen ausgestattet sind. Die Treatments setzen ganz auf Individualität, japanisch Jiyujizai genannt. Im Entree kann man sich deshalb die Ingredienzen, die dekorativ in gläsernen Behältern und Keramikgefäßen auf einem Tisch arrangiert sind, selbst aussuchen: Limone, braunen Zucker, Lavendel und Minze für ein reinigendes Body Scrub beispielsweise.

Big in Japan
Im Aman Hotel begibt man sich gar auf eine Seasonal Journey – das sind auf die Jahreszeiten abgestimmte Anwendungen, wobei man sich an klassischer japanischer Medizin und Kultur wie Kampo und Misogi orientiert. Im Sommer beispielsweise soll der Körper entschleunigt und gekühlt werden – mit Hinoki- und Dokudami-Blättern, Hokkaido-Minze und grünem Tee. Überhaupt gelingt im Aman die perfekte  Ästhetisierung des japanischen Lebensstils. Ende letzten Jahres hatte die in Singapur ansässige Hotelgruppe in Tokio ihr erstes Stadtdomizil eröffnet: in den oberen sechs Stockwerken des prestigeträchtigen Otemachi Tower von Kohn Pedersen Fox, unweit des Hauptbahnhofs.

Auch wenn das Hochhaus von außen wie ein beliebiger Stahl-Glas-Beton-Klotz wirken mag, ereilt einem beim Betreten der Lobby im 33. Stock ein Aha-Erlebnis: eine 11 mal 40 Meter große und sechs Etagen hohe Ode an das japanische Haus – im Großformat, wohlgemerkt. Da sind zum einem das imposante „Dach“ aus echtem Washi-Papier, das schöne Lichtstimmungen erzeugt und an eine riesige Laterne erinnert, Elemente aus traditionellen Zen-Gärten wie Wasser und Felsen, elaborierte Ikebana-Blumenkunst und eine stilisierte Engawa. Diese japanische Version einer Veranda fasst im Hotel die Bar und das Restaurant ein und teilt sie optisch von der eigentlichen Lobby ab. Es ist ein Raum von hoher Aufenthaltsqualität, der trotz seiner Größe überraschenderweise Ruhe und Vornehmheit ausstrahlt.
A la japonaise: Aman Tokyo
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Ebenso subtil setzt Interiordesigner Kerry Hill die 84 Zimmer und Suiten sowie den Pool- und Spa-Bereich in Szene. Die geradlinige Gestaltung, die Hill übrigens auch schon an anderen Hotels der Gruppe ausprobieren konnte, wird hervorgehoben durch die Verwendung hochwertiger Materialien wie Basalt, Granit, Kampfer- und Zypressenholz. Aber vor allem bietet das Hotel, woran es in Tokio am meisten mangelt: Platz. Das Standardzimmer misst 71 Quadratmeter, während sich das Spa auf zwei Etagen auf 2500 Quadratmeter Fläche ausbreitet. Empfang, Wartebereich, Umkleideraum, Sauna- und Onsen-Zone sind ebenso wie die acht Behandlungsräume mit Privatbad äußerst großzügig bemessen. Und der Pool? Der lädt mit einer Länge von 30 Metern zum ernsthaften Schwimmtraining ein, was einen danach ermattet auf die weißen Daybeds fallen lässt.

New York? Tokio!
Ebenso wie Aman und Andaz befindet sich das Park Hyatt in den oberen Stockwerken eines Hochhauses. Der dreiteilig angelegte, 52-stöckige Gebäudekomplex Shinjuku Park Tower ist ein Spätwerk des japanischen Architekten Kenzo Tange. Das Hotel verfügt neben 177 Zimmern und Suiten selbstredend auch über einen riesigen Pool unter einem pyramidenartigen Glasdach, sowie einen Fitness- und Spa-Bereich. Doch die sind es nicht, die das Park Hyatt zur Hotelikone Tokios haben werden lassen, zur Mutter aller 5-Sterne-Hotels sozusagen. Es ist die New York Bar, in der Scarlett Johansson und Bill Murray einst über das Leben philosophierten. Und wirklich: Zur blauen Stunde, mit Blick auf die illuminierte Stadt, fühlt man sich zuweilen Lost in Translation.
In der Bar: Park Hyatt Tokyo
Zwei Seiten von Nippon
Tokios 5-Sterne-Hotellerie mag es luxuriös, ästhetisiert und ausgeklügelt – gerade im Pool- und Spa-Bereich. Materialien, Formen, Kunstwerke, Versatzstücke aus der allgegenwärtigen japanischen Reinigungs- und Badekultur und eigene Kosmetiklinien mit heimischen Ingredienzen knüpfen an ans Hier und Jetzt. Das ist schön und ästhetisch überaus konsequent umgesetzt. Und doch sollte man es sich nicht entgehen lassen, ein öffentliches Bad zu besuchen. Ohne viel Luxus und Chichi huldigen hier nämlich die ganz normalen Japaner den Gesundheits- und Wellness-Göttern.

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