Vorschau auf die imm cologne 2016: Evolution statt Revolution 

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Text: Norman Kietzmann, 13.01.2016

Wohin steuert das neue Möbeljahr? Eine Antwort wird vom 18. bis 24. Januar am Rhein gegeben, wenn die 67. Kölner Möbelmesse imm cologne mitsamt der Wohnschau LivingInteriors ihre Türen öffnet. Das Wohnen wird auch dieses Mal natürlich nicht neu erfunden. Doch dafür sorgen fließende Konturen, vermöbelter Beton und animalische Decken für Vielfalt.

Möbelmessen haben eine beruhigende Wirkung: Je mehr man besucht, desto vertrauter kommt einem alles vor. Auch auf der diesjährigen Kölner Möbelmesse werden 100.000 Produkte gezeigt, davon rund ein Drittel Neuheiten. Das Wohnen wird deswegen noch lange nicht auf den Kopf gestellt, sondern in behutsamen Schritten weiterentwickelt. Das klingt zunächst banal. Ist es aber nicht. Denn das Wohnen hat heute andere Aufgaben zu meistern als in der Vergangenheit.

Haben Designer und Hersteller früher Welten aus einem Guss ersonnen, sind heute Teamplayer gefragt: Möbel, die sich offen zeigen gegenüber verschiedenen Stilen und Epochen und sich behutsam in jede häusliche Umgebung einfügen. Worum es geht, ist das Definieren von möglichst vielen Anschlussmöglichkeiten. Ein Hauch von Vintage schwingt unmerklich in die Neuentwicklungen mit hinein, die eine Zeit ohne Zeit suggerieren. Das Neue vermeidet kreischende Wow-Effekte und kommt vielmehr auf leisen Sohlen daher.

Kurven statt Kuben
Wie das Teamwork funktioniert, offenbart sich vor allem im Polsterbereich. Ecken und Kanten werden zugunsten fließender Konturen aufgegeben. Wurde bislang nur Sesseln und Lounge Chairs eine skulpturale Wirkung zugestanden, können nun auch Sofas, Bänke und Betten mit einem sinnlichen Kurvenschlag aufwarten. Einen spannenden Entwurf haben Soda Designers aus Wien mit ihrem Bett Desdemone für Ligne Roset entworfen: Es wölbt sich mit einem sanft geschwungenen Kopfende wie ein schützender Kokon um die Matratze. Gubi stellt mit dem Sitzprogramm Stay von Space Copenhagen ein fließend weiches Sofa vor, das sich zwar voluminös in die Länge ausdehnt. Doch dafür ist die Sitztiefe vergleichsweise klein gehalten, während die aufrechte Rückenlehne an die Konversationsmöbel des Biedermeier erinnert. Die runde Form ist hier keine Aufforderung zum Herumlümmeln. Sie soll dem menschlichen Rücken Halt geben und das bunt gewürfelte Möbelensemble als stilistischer Kleber zusammenfügen.

Eames Plastic Side Chairs (1950) von Vitra in neuen Farben von Hella Jongerius
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Vormarsch der Zweisitzer
Sitzlandschaften aus einem System werden durch flexible Einzelmöbel ersetzt. Interessant ist dabei eine neue Typologie von Zweisitzern, die auf den ersten Blick an einen in die Breite gegangenen Lounge Chair erinnert. Anders als konventionelle Zweiersofas verfügen sie über einen schlanken, luftigen Unterbau und können somit von der Wand in die Mitte des Raumes gerückt werden. Zu erwähnen ist die Lounge-Couch aus dem Sitzprogramm Leya von Birgit Hoffmann und Christoph Kahleyss für Freifrau oder die Sitzbank 862F, die Lydia Brodde für Thonet entwarf. Auch de Sede folgt mit dem Sofa DS-373 von Alfredo Häberli dem Trend zum skulpturalen Zweisitzer, wenngleich in diesem Falle die Arm- und Rückenlehnen ihren Kurvenschlag durch eine betont wuchtig anmutende Faltung erzielen. Ergo: Feinsinn und Grobheit sind keine Antipoden, sondern Verbündete in der aktuellen Welt des Wohnens.

Schwungvolle Klassiker
Schwungvoll geht es auch bei den Reeditionen weiter. Der dänische Hersteller Gubi erweitert sein nordisches Spektrum in Richtung Italien mit dem Spiegel F.A.33 von Gio Ponti aus dem Jahr 1933. Der Rahmen aus glänzendem Messing vollzieht an den schmalen Ober- und Unterseiten jeweils eine konkave Krümmung, während die beiden Seiten durchgehend verlaufen. Ein Möbel, das Eleganz in den Raum bringt, ohne dabei allzu dick aufzutragen. Dass runde Jubiläen nicht nur die erste Hälfte des 20. Jahrhundert umkreisen, zeigt der 20. Geburtstag des Backenzahn-Hockers von Philipp Mainzer für e15. Das ursprünglich aus Abfallresten des Bigfoot-Tischs hergestellte Sitzmöbel hat sich längst zu einer Designikone entwickelt und wird auf dieser imm cologne gebührend gefeiert.

Frische Farben
Eine wichtige Rolle nimmt die Pflege bestehender Produkte und Produktfamilien ein. So präsentiert Vitra mit der White Collection mehrere Arbeiten von Jasper Morrison, Ron Arad und den Bouroullec-Brüdern in weißer Farbe und outdoortauglichen Materialien. Eine behutsame Wandlung erfuhren die Eames Plastic Side Chairs. Ihr Gestell ist um 20 Millimeter erhöht worden, weil die Menschen in den vergangenen 60 Jahren um durchschnittlich zehn Zentimeter gewachsen sind. Eine weitere Veränderung bringen sechs neue Farben, die von Hella Jongerius ausgewählt wurden und die bisherige Produktpalette ergänzen. Apropos Farbe: Dass die Bonbontöne des vergangenen Jahres auch weiterhin Bestand haben werden, belegt Pantone mit den beiden Trendfarben des Jahres 2016: das Blassrosa Rose Quartz sowie das Hellblau Serenity, die von vielen Herstellern bereits dankend in ihre Paletten aufgenommen wurden.
Schreibtisch Sol von Sebastian Desch für Team 7, Foto: Karsten Jipp, Koelnmesse
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Vermöbelter Beton
Abwechslung ist auch auf Materialebene Trumpf. Werner Aisslinger erweitert sein Cube-Programm für Interlübke um gepolsterte Auflagen, mit denen Sideboards in praktische Sitzbänke verwandelt werden. Dazu gesellen sich farbige Glasvitrinen, die oberhalb der Aufbewahrungsmöbel aufgesetzt sind und mit Lieblingsdingen bestückt werden können. Für eine raue, industrielle Haptik sorgen Betonoberflächen mit einer unregelmäßig changierenden Struktur. Eine Alternative zu Beton bringt der deutsche Designer Andree Weißert mit seinem Tisch M38 für Tecta ins Spiel. Auf einem schlanken, geschweißten Stahlgestell ruht eine geölte Faserzementplatte, die materielle Wucht und konstruktive Leichtigkeit unter einen Hut bringt.

Textiler Vorsprung
Auch Wohntextilien sind weiter auf dem Vormarsch. Der Hersteller Ames stellt in Köln eine umfangreiche Kollektion von Sebastian Herkner vor, der in diesem Jahr mit seiner Installation Das Haus in Halle 2.2 ohnehin omnipräsent sein wird. Die Schafswoll-Decken Ruana und Manta sind in Kolumbien von Hand gewebt und kombinieren grobe Nähte mit geometrischen Mustern und in sich verwobenen Farbflächen. Die Teppiche Nudo und Nobsa lassen das rechtwinklige Standardformat zugunsten runder oder vor- und zurückspringender Formen hinter sich. Auch hier wird farblichem Vielklang gegenüber starrer Monotonie Vorrang gegeben. Ungewöhnlich erscheint die von Herkner entworfene Filzschalenserie Gorro, die in einer traditionsreichen Hutmanufaktur in Kolumbien hergestellt werden und erdige Farben mit einer angenehmen Haptik in den Wohnraum holen.

Mut zum Fake
Auch wenn das Echte, Handfeste und Hochwertige klar im Vordergrund steht: Wer es sich nicht leisten kann, darf durchaus schummeln. Die passenden Utensilien dafür liefert der niederländische Tapetenhersteller NLXL mit den Material Wallpapers von Piet Hein Eek. Unscheinbare Wände werden dank Trompe-l‘œil-Effekt in weißen oder schwarzen Marmor, blaue Vintage-Dielen oder versilbertes Mauerwerk verwandelt. Auch das ist gewiss keine Neuerfindung. Dennoch offenbaren diese Wandbespannungen eine gesunde Prise Humor, die sich dem fast schon zwanghaften Hang zur Natürlichkeit entgegenstellt. Gerät die nachhaltige Wohn-Komfort-Zone womöglich sogar langsam ins Wanken? In der nächsten Woche erfahren wir mehr.

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