Welche Lampe kann watt?

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Text: Julia Bluth


Birne kann alles“ hieß es triumphierend in den siebziger und achtziger Jahren. Gemeint war eine antiautoritäre Glühlampe, die Kindern die Welt erklärte. Dank erfolgreicher EU-Verordnung – gerne auch Glühbirnen-Verbot genannt – wird die nächste Generation wohl nicht mehr viel mit der allwissenden Birne anfangen können. Oder sie gar tatsächlich für das „Kleinheizgerät“ halten, zu dem sie findige Ingenieure auf der Suche nach einer Gesetzeslücke kurzerhand erklärt hatten. Für alle, die im buchstäblich warmen Schein des Glühfadens groß geworden sind, stellt sich hingegen die Frage: Welche Lampe ersetzt mir die Birne?


Beliebt war und ist die Glühlampe vor allem aus ästhetischen Gründen. Ihr warmes, gleichmäßiges Licht vermittelt Behaglichkeit, ihr sanft gerundetes Äußeres gilt als perfekte Ergänzung schöner Designerleuchten. Leider verbraucht sie so viel Strom – ganze 95 Prozent der verwendeten Energie verpuffen als Wärme –, dass die Europäische Union sie anhand des „EU-Stufenplans für effiziente Beleuchtung“ bis 2016 gänzlich aus dem Handel verschwinden lassen möchte. Erst traf es die matten Glühlampen, dann die klaren mit 60 Watt Verbrauch und ab September 2012 werden nun auch jene mit 25 und 40 Watt endgültig vom Markt genommen.

Die Lampe ist tot, es lebe die Lampe


Wer ein neues Leuchtmittel in eine alte Leuchte drehen möchte, hat nun die Qual der Wahl. Altbekannte Alternative ist die Kompaktleuchtstofflampe, auch bekannt als Energiesparlampe. In den neunziger Jahren tauchte sie Wohnungen eifriger Energiesparer in ewige Dunkelheit, denn bis sie endlich ihre volle Leuchtkraft erreicht hatte, war es meist schon wieder Zeit zum Schlafengehen. Das hat sich inzwischen geändert, doch nun steht sie vor allem wegen ihres Quecksilbergehalts in der Kritik. Zwar sprechen ihr bis zu 80 Prozent geringerer Verbrauch, die Lebensdauer von bis zu 15.000 Stunden, die gute Lichtausbeute und der moderate Preis durchaus für sich – entsorgt wird sie jedoch im Sondermüll. Auch ihre Herstellung gestaltet ist viel energieaufwändiger als bei der Birne. Für jene, die sich nur am Aussehen der Leuchtstofflampe stören, gibt es mittlerweile eine bestechend schöne Variante: Das Konzeptdesign zu Plumen 001 des Londoner Designers Samuel Wilkinson schaffte es sogar bis in die Sammlung des Museum of Modern Art in New York.

Eine weitere, viel weniger effiziente Alternative ist hingegen die Hochvolt-Halogenlampe. Sie kommt in Lichtfarbe und Optik der Glühlampe sehr nah, leider jedoch auch im Verbrauch. Weitere Negativpunkte der Halogenlampe sind sowohl die begrenzte Lebensdauer, die häufig noch unter der einer Glühlampe liegt, als auch die Tatsache, dass sie schon bald ebenso zur Liste ineffizienter Leuchtmittel gehören wird. Ab ersten September 2016 werden gemäß EU-Stufenplan zunächst Halogenlampen niedriger Effizienz aus dem Handel genommen.

Hoffnungsträger bleiben also die sogenannten Retrofit-LEDs, die konventionelle Leuchtmittel ebenso für klassische E27- und E14-Fassungen wie für Hoch- und Niedervolthalogen-Systeme ersetzen. Im September 2011 kürte Stiftung Warentest im Test für die Nachfolge der ausgedienten 60-Watt-Glühlampen gleich zwei LED-Lampen zu strahlenden Siegern. Einziger Wermutstropfen ist noch immer der hohe Preis, der sich jedoch angesichts der langen Lebensdauer und der großen Energieeinsparung schnell relativiert. Um die 30 Euro kostet derzeit eine matte LED-Lampe in Birnenform, deren Lebensdauer 25.000 Stunden entspricht und die bei gerade einmal 10 Watt Leistung der Helligkeit einer 60-Watt-Glühlampe gleichkommt. Selbst die warmweiße Lichtfarbe von 2.700 Kelvin, die ein Glühfaden entstehen lässt, gehört mittlerweile zum Standard der LED-Technologie.

Leuchte und Lampe in einem


Die lichtemittierenden Dioden (LED eröffnen dank ihrer geringen Größe, der Langlebigkeit, des geringen Energieverbrauchs und der reduzierten Wärmeemission ganz neue Möglichkeiten. Da das Leuchtmittel nicht mehr gewechselt werden muss, lassen viele Designer die Leuchte mit der Lampe verschmelzen und spielen mit der tradierten Formensprache des Leuchtenschirms. Der niederländische Lampenhersteller Booo hat nun eine Kollektion von LED-Lampen mit Schraubsockel herausgebracht, die den Kauf einer Leuchte hinfällig werden lassen. Besonders auffällig ist Bulb Light, eine birnenförmige Lampe aus Kautschuk, die die Leuchtdioden in sich birgt. Der spanische Designer Nacho Carbonell entschied sich für das weiche Material, da es in etwa die gleiche Lebensdauer hat wie die LEDs und im Gegensatz zu kaltem Glas zum Anfassen einlädt. Die haptische und leicht komprimierbare Kautschukhülle dient während des Transports gleichzeitig als Bruchschutz.

Die beiden Designer von Studio Formafantasma aus Italien ließen sich hingegen von organischen Prozessen inspirieren und entwarfen mit Light Species eine Lampe, die wie das Blatt eines Gummibaums aussieht. Bei Verwendung mehrerer Lampen ähnelt der Effekt dem einer leuchtenden Pflanze. Das Außergewöhnliche an Light Species ist jedoch vor allem das von Formanfantasma verwendete Material: eine Weiterentwicklung eines Polymers, der aus Insektenexkrement gewonnen wird und schon im neunzehnten Jahrhundert Verwendung fand.

Front Design aus Schweden verlieh ihrer LED-Lampe eine ganz klassische Form: Lampshade Bulb sieht aus wie ein leuchtender Leuchtenschirm und schafft in drei unterschiedlichen Größen produziert die perfekte Illusion einer Leuchte ohne Lampe. Die lange Lebensdauer der LED inspirierte die drei schwedischen Designerinnen zu einem weiteren, sehr poetischen Entwurf. Die Surface Tension Lamp ist eine LED-Leuchte, deren Leuchtenschirm aus tausenden aufeinanderfolgenden Seifenblasen besteht.

Leuchten ohne Lampe

Zurzeit sind LEDs – mit und ohne Retrofit-Sockel – sicherlich das Leuchtmittel der Wahl. Einziger Nachteil der kleinen Dioden: Sie müssen gekühlt und entblendet werden. Das ist zwar keine große, aber dennoch eine Einschränkung. Viele warten deshalb gespannt auf die Entwicklung der organischen Leuchtdiode, kurz OLED. Ihr Licht ist völlig blendfrei, da extrem dünne Halbleiterschichten durch Elektrizität sanft zum Leuchten gebracht werden. Der niederländische Hersteller Philips experimentiert schon seit einigen Jahren mit der neuen Technologie und hat mit seinen Lumiblade -Modulen für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Bisher war die Leuchtkraft der OLEDs allerdings noch so gering, dass sie sich eher für interaktive oder atmosphärische Installationen eigneten. Der Berliner Designer Daniel Lorch hat nun mit Moorea die erste OLED-Tischlampe mit einer funktionalen Helligkeit von 240 Lumen entworfen. Ein Fortschritt, doch bis Wände leuchten und unsere Räume ganz ohne Lampen auskommen, wird es wohl noch eine Weile dauern.
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