Wohnratgeber 1: Die flexible Wohnung

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Text: Norman Kietzmann, 18.10.2011


Wie richtet man eine Wohnung ein? Diese Frage ist so alt wie das Wohnen selbst, und dennoch fällt die Antwort keineswegs leicht. In einer neuen Serie wollen wir mit den Irrtümern des Einrichtens aufräumen und einen nicht immer eisern zu befolgenden Leitfaden geben, wie die eigenen vier Wände ein wenig schöner, praktischer und vor allem wohnlicher gestaltet werden können. Teil Eins des Designlines-Wohnungratgebers führt direkt zur entscheidenden Herausforderung des heutigen Alltags: Flexibilität und Komfort miteinander in Einklang zu bringen.



„Wenn auf dem ‚Nachtkastel' ein Löwenkopf ist, und dieser Löwenkopf ist dann auf dem Sofa, auf dem Schrank, auf den Betten, auf den Sesseln, auf dem Waschtisch, kurz auf allen Gegenständen des Zimmers gleichfalls angebracht, so heißt dieses Zimmer stilvoll“, bemerkte Adolf Loos spitz in seinem Essey „Die Interieurs in der Rotunde“. Das Problem, das die vermeintlich „stilvolle“ Wohnung heraufbeschwor, lieferte Loos gleich mit: „Solche Zimmer tyrannisieren ihren armen Besitzer. Wehe dem Unglücklichen, wenn er es gewagt hätte, sich selbst etwas hinzuzukaufen! Denn diese Möbel vertrugen absolut kein anderes in ihrer Nähe. Bekam man etwas geschenkt, konnte man es nirgends hinstellen. Und wenn man die Wohnung wechselte und im neuen Heim nicht genau dieselben Zimmergrößen vorfand, dann war es auf immer mit der ‚stilvollen' Wohnung vorbei.“

Dass Stil mit einem Wunsch nach Regeln oder zumindest einer verbindenden, gestalterischen Sprache einhergeht, ist bei weitem nicht nur der geschmacklichen Unsicherheit der Bewohner geschuldet. Auch die Architekten und Gestalter, die den Kunden nicht selten ihren eigenen Geschmack aufdrängen, tragen für Loos die Verantwortung: „Die Menschen passen nicht zu diesen Räumen und die Räume nicht zu diesem Menschen. Wie sollen sie denn auch? Der Architekt, der Dekorateur kennt seinen Auftraggeber kaum dem Namen nach. Und wenn der Bewohner diese Räume hundertmal käuflich erworben hat, es sind doch nicht seine Zimmer. Sie bleiben immer das geistige Eigentum desjenigen, der sie erdacht hat.“

Die Suche nach eigenem Raum


Wenn Stil also ein Irrweg ist: Wie richtet man dann seine Wohnung ein? Die Idee eines gestaltersischen Patchworks, bei dem Altes neben Neuem steht und Klassiker mit billigen Flohmarktmöbeln eine stimmige Liaison eingehen, hat Loos bereits 1898 vorweg genommen: „Jedes Möbel, jedes Ding, jeder Gegenstand erzählt eine Geschichte, die Geschichte der Familie. Die Wohnung war nie fertig; sie entwickelte sich mit uns und wir in ihr. Wohl war kein Stil darin. Das heißt kein fremder, kein alter. Aber einen Stil hatte die Wohnung, den Stil ihrer Bewohner, den Stil der Familie“, brachte es der Vordenker der Moderne auf den Punkt. Anstelle einer verbindlichen gestalterischen Sprache, die die einzelnen Objekte durch dieselben Formen, Farben, Oberflächen oder Dekore zusammenfasst, ist allein die persönliche Auswahl das entscheidende Kriterium.

Anders als in den Einrichtungen der Jahrhundertwende, die zumeist untrennbar mit einem bestimmten Haus oder einer bestimmten Wohnung verwoben waren, ist heute Flexibilität gefragt. Die Durchmischung von neuen und alten Dingen kann helfen, den Alltag nach einem Umzug schnell wieder in den Griff zu bekommen. Doch sie ist es nicht alleine. Keine multifunktionalen Ungetümer solllen hier im Mittelpunkt stehen, die als Möbel gleichzeitig telefonieren, backen oder bügeln können. Flexibilität liegt vor allem in der logischen Nähe zum Alltag und der Fähigkeit, diesen ein wenig einfacher zu gestalten.


TEIL 1 – DIE FLEXIBLE WOHNUNG



01 Das Sofa

Wenn unser Zuhause eine Festung ist, dann ist das Sofa seine Schaltzentrale. Besonders flexibel zeigt sich das Sofa Ploum von Ronan und Erwan Bouroullec für Ligne Roset. Der großformatige Dreisitzer verfügt nicht nur über eine weiche Polsterung sowie eine niedrige Sitzhöhe. Die organisch geschwungene Form, die an eine vergrößerte Amöbe denken lässt, kann in sämtlichen Sitzpositionen – vom aufrechten Sitzen bis zum bequemen Liegen – bewohnt werden. Dass sich die Funktion eines Möbels je nach Wochentag oder Uhrzeit ändern kann, nahm Kati Meyer-Brühl als Ansatz für ihr Sofa Easy Pieces für Brühl. Eingefasst von einem hölzernen Rahmen können die gepolsterten Sitzkissen, Rücken- und Armlehnen mit wenigen Handgriffen neu konfiguriert werden. Einen Hybrid aus westlicher und orientalischer Wohnkultur entwickelte unterdessen das Stuttgarter Designerduo Jehs & Laub mit seinem Sofa Jalis für COR. Der Charme ihres Entwurfs liegt in der Auflösung des Sitzmöbels in ein bodennahes Kissen, das locker auf einer erhöhten Plattform ruht. Die Schwere klassischer Polstermöbel wird auf diese Weise nicht nur spielend über Bord geworfen. Mit seiner puristischen Erscheinung macht Jalis sowohl in rustikalen Berghütten als auch in minimalistischen Lofts eine gute Figur.

02 Der Sessel

Während Stühle und Hocker häufig als grazile Wesen durch den Raum zu wandern, kommen Sessel zumeist in der Anmutung gestrandeter Bojen daher. Dass sich Komfort und Leichtigkeit aber dennoch nicht ausschließen müssen, zeigt der Slow Chair von Ronan und Erwan Bouroullec für Vitra. Als Rückenlehne dient lediglich ein durchsichtiges Netz, das flexibel der Form des Rückens folgt und eine Polsterung überflüssig macht. Das vermeidet nicht nur unnötiges Gewicht, sondern gibt dem Wohnzimmer einen offeneren und großzügigeren Raumeindruck. Etwas weniger elegant, doch dafür umso flexibler, kommt der Sitzsack Sacco von Zanotta daher. Einmal aufgeschüttelt und auf den Boden gestellt, passt er sich der Körperform und Sitzhaltung seines Besitzers spielend an. Entworfen wurde der Klassiker aus dem Jahr 1968 vom italienischen Designertrio Gatti, Paolini und Teodoro, die dem Lebensgefühl einer ganzen Generation die nötige Lässigkeit verliehen.

03 Der Stuhl

Lag der Erfolg von Sacco in der Überwindung konventioneller Sitzgewohnheiten, rüttelt das Londoner Designerduo Barber Osgerby derweil am letzten verbliebenen Tabu des Sitzens: Kippeln ist bei ihrem Stuhl Tip Ton für Vitra ausdrücklich erlaubt. Indem die seitlichen Bodenkufen im vorderen Drittel einen leichten Knick nach oben vollziehen, wird ein Umkippen wie bei den sperrigen Stühlen in der Schule verhindert. Zum Einsatz kommt der leichte Kunststoffstuhl als praktisches Allroundmöbel nicht nur im Klassenzimmer, sondern ebenso daheim am Esstisch, im Homeoffice oder im Kinderzimmer. Einen universalen Stuhl, der einfach überall hineinpasst, konzipierte Jean Prouvé bereits 1934 mit seinem legendären Standard-Stuhl, der heute von Vitra produziert wird. Anders als manch überstrapazierte Bauhaus-Klassiker macht der Entwurf mit seinen kräftigen Hinterbeinen aus gefaltetem Stahlblech auch heute noch einen frischen Eindruck und ist dank einer hohlwandigen Konstruktion sogar leichter, als er auf den ersten Blick erscheint.

04 Das Regal

Billy von IKEA gilt zwar als Platzhirsch unter den Regalen, doch abgesehen von seinem günstigen Preis ist das System nicht annähernd so flexibel, wie ein Regal sein sollte. Wie es richtig geht, zeigt das Endless Shelf von Werner Aisslinger für Porro, dessen hölzerne Paneele mithilfe druckgegossener Verbindungsteile aus Aluminium nach Belieben in Höhe und Breite verlängert werden können. Der Klassiker unter den Regalen ist zweifelsohne das Regalsystem 606, das Dieter Rams bereits 1960 für Vitsoe entwarf. Ob freistehend im Raum oder oder direkt zur Montage an der Wand können die einzelnen Böden mit wenigen Handgriffen in den vertikalen Schienen justiert werden. Auch Kästen und Schubfächer lassen sich bündig in das System einfügen und machen den Entwurf zur Generationen übergreifenden Wertanlage.

Dass die Zeiten, in denen der Fernseher den Grundriss des Wohnzimmers diktierte, endgültig der Vergangenheit angehören, demonstriert das Regalsystem Studimo von Interlübke. Dieses ist nicht nur flexibel in der Aufteilung einzelner Schrankvolumen und Ablagen. Auch der Fernseher wurde durch rollbare Frontpaneele und absenkbare Rückwände schlüssig integriert. Die Ausblendung der Flimmerkiste vermindert nicht nur die Versuchung, sich von überflüssigen Castingshows berieseln zu lassen. Indem der freistehende Fernseher mitsamt des dazugehörigen Audiosystems aus dem Blickfeld verbannt wird, erhält der Wohnraum mehr Spielraum zurück.

05 Der Tisch

Als Vorreiter unter den wandelbaren Möbeln gilt seit jeher der Esstisch. Wie bei sportlichen Wettkämpfen besteht die Kür darin, die eigene Kraftanstrengung für sich zu behalten. Als Favorit auf die Höchstnote dürfte hierbei der Extendable Dining Table von Antonio Citterio für Vitra ins Rennen gehen, dessen minialistische Erscheinung selbst dem geschulten Auge den ausgefeilten Klappmechanismus nicht preisgibt. Ausgelegt für sechs Personen, kann das Möbel in wenigen Handgriffen zu einem Tisch für zehn Personen erweitert werden. Besonders flexibel zeigt sich auch der Tisch T.U. von Philippe Nigro für Ligne Roset. Anstelle eines versteckten Mechanismus' verfügt dieser über vier offen sichtbare Schraubzwingen. Eingefasst von zwei stählernen Bügeln können Tischplatten von unregelmäßigem Zuschnitt und wechselnder Höhe sicher darin verspannt werden. Der Konsument wird auf diese Weise zum Designkomplizen und kann seine alte Wohnungstür als Esstisch wiederbeleben.

06 Das Bett

Das Schlafzimmer ist seit jeher ein Ort erhöhter Verletzungsgefahr. Knie drohen, an scharfe Kanten zu stoßen, Köpfe auf hölzerne Rückwände unsanft aufzuschlagen. Eine sichere Alternative verspricht das Bett NYX von Zanotta, dessen Kopfteil mit zwei großformatigen Kissen wie mit einem Airbag gepolstert ist. Empfindlichen Knien sei unterdessen das Bett Ruché zu empfehlen, das Inga Sempé für Ligne Roset entwarf. Dieses verfügt nicht nur über ein Rückteil mit einer weich abgesteppten Decke, sondern wurde ebenso entlang der umlaufende Rahmenstruktur aus Massivholz mit einer gesteppten Decke abgepolstert. Noch eine Stufe weiter in punkto Sicherheit geht das Bett Jalis, das Jehs & Laub als Ergänzung ihrer gleichnamigen Sofa-Serie entworfen haben. Als ein gefaltetes Kissen im XXL-Format wird die Rahmenstruktur vollständig von einer Polsterung umschlossen, während die Erscheinung des Bettes an eine wohnraumtaugliches Sprungkissen erinnert.

07 Der Kleiderschrank


Früh morgens zählt häufig jede Minute. Um keine Zeit beim Ankleiden zu verlieren, kam dem Münchner Designerduo Neuland Industriedesign eine treffende Idee. Die Fronten ihres Kleiderschranksystems Reef für Interlübke kommen nicht als großformatige Türen daher, sondern werden durch ein vor- und zurückspringendes Relief optisch aufgelöst. Der Vorteil: Ohne die Türen öffnen zu müssen, lässt sich bereits von außen erahnen, wo die Mäntel, wo die Sakkos und wo die Socken verstaut sind.  Wer dennoch auf eine ruhige, gleichmäßige Erscheinung nicht verzichten möchte, ist mit dem Kleiderschrank-System Storage auf der richtigen Seite, das Piero Lissoni für Porro entwarf. Wie in einem Lager werden die einzelnen Kleidungsstücke übersichtlich untergebracht, während raumhohe Schiebetüren die nötige Ordnung garantieren.

08 Die Garderobe

Der Flur ist die Formel-1-Strecke einer jeden Wohnung. Und wie bei jedem Boxenstop zählt auch hier jede Zehntelsekunde, um Jacke und Schlüssel in den Griff zu bekommen und sicher wieder abzulegen. Dass der klassische Kleiderhaken mit seinen winzigen Ausmaßen eher zu zeitraubenden Fingerübungen verleitet, umgingen Barber Osgerby mit ihrem Kleiderständer Saturn für Classicon. Dieser kombiniert drei großformatige Bügel aus Bugholz zu einem freistehenden skulpturalen Objekt, das Jacken und Mäntel im Vorbeigehen sicher auffängt. Ebenfalls für den Ernstfall geeignet ist die Flurgarderobe Saucer von Eric Degenhardt für Schönbuch, die eine tellerförmige Ablage mit einem übergroßen Haken in Form eines Metallbügels kombiniert. Auch diese ist flexibel genug, um sebst waghalsige Abwurfmanöver zu einem sicheren Ende zu begleiten.

09 Das Küchenmöbel

Die Küche hält es derzeit nicht mehr in ihrem angestammten Revier. Schluss die Zeit, als im engen Kämmerlein noch einsam geköchelt und gebraten wurde. Die Essenszubereitung ist heute Show – und das bei weitem nicht nur im Fernsehen. Eine besonders flexible Bühne bietet hierbei die Küche K2 von Norbert Wangen für Boffi. Mit ihrer archaischen, minimalistischen Erscheinung fügt sie sich dezent in jeden Wohnraum ein und kann mithilfe einer verschiebbaren Arbeitsplatte von der funktionalen Kochstation in einen geschlossenen Block verwandelt werden. Dieser passt nicht nur in großzügige Lofts, sondern entpuppt sich dank des integrierten Esstischs als besonders sparsam im Umgang mit Raum.

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