Zurück im Ring – die imm cologne 2012

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Text: Norman Kietzmann, 25.01.2012


Die Kölner Möbelmesse imm cologne ist an diesem Sonntag nach fünf Fachbesucher- und zwei Publikumstagen zu Ende gegangen. Mit 115.000 Besuchern aus 118 Ländern wurde das Vorjahresergebnis von 138.000 Besuchern zwar leicht unterboten. Doch gegenüber 2010, als die Messe ebenfalls ohne die Küchenmesse LivingKitchen als ergänzendes Zugpferd auskommen musste, markiert der Wert einen Zuwachs von 15 Prozent. Das Fazit: Es herrschte dichtes Gedränge in den Hallen 11 und 3.2, in denen sich die designaffinen Aussteller konzentrierten, während eine respektable Zahl an Neuheiten die einst angeschlagene Messe wieder fit auf beide Beine stellte. Die vorgestellten Möbel zeigten nicht nur eine leichte, fast spielerische Seite, sondern entdeckten ebenso eine Nähe zur Wand.



Psychologie ist im Messegeschäft nicht alles. Aber fast alles. Schon im Vorfeld der imm cologne begann es kräftig zu rumoren: Die Ausstellerliste wuchs im Wochentakt weiter an und als im Dezember die ersten Firmen eine Vorschau ihrer neuen Produkte aussandten, gab es kein Halten mehr. Dabeisein war plötzlich alles, als wären am Rhein die Olympischen Spiele ausgebrochen. Aus der Messe, um die es in den letzten Jahren oft gespenstisch still war, sollte diesmal mehr werden als ein Pflichtprogramm für Einkäufer. Mehr noch: Die Unternehmen kamen bewusst mit neuen Produkten nach Köln, um von der Aufbruchsstimmung zu profitieren.

„Wir sind überrannt worden, sowohl von Verkäufern und Einkäufern als auch Journalisten“, erklärt Sabine Böhm, Marketing-Chefin von Ligne Roset Deutschland. Und auch Gerald Böse, Vorsitzender der Geschäftsführung der Kölnmesse, zeigt sich zufrieden: „Wir hatten mehr Aussteller, waren internationaler – die Italiener waren so stark wie lange nicht mehr vertreten – und die Besucher konnten viele echte Neuheiten sehen.“ Sein Fazit: Nach den Durstjahren, in denen offen über die Zukunft der Messe spekuliert worden war, könne die imm cologne nun „wieder ganz weit vorne in der ersten Liga der Möbelbranche spielen“. Ein Umstand, der sich durchaus in der Planung vieler Besucher niederschlug. Ließ sich der Rundgang durch die Hallen 11 und 3.2 in den letzten Jahren locker an einem halben Nachmittag absolvieren, brauchte es nun beinahe zwei Tage. Der Grund: Nicht nur quantitativ, sondern ebenso qualitativ haben die Aussteller deutlich zugelegt und luden zum Verweilen auf ihren Ständen ein. 

Das Möbel als Relief

Das Wohnen erfanden die gezeigten Neuheiten nicht von Grund auf neu. Doch sie kamen oft ein wenig leichter, spielerischer und flexibler daher, als sie es in den vergangenen Jahren getan haben. Bemerkbar machte sich diese Entwicklung vor allem bei Aufbewahrungsmöbeln, die nach wie vor praktisch und funktional sein mussten, aber keineswegs mehr wuchtig oder gar banal. Tricolore heißt das Regalsystem der Berliner Designer Hertel und Klarhöfer für Ligne Roset, das drei U-Förmige Module in unterschiedlichen Höhen und Farben miteinander kombiniert. Wie ein Bausatz lassen sich diese aufrecht oder kopfüber übereinander stapeln und erzeugen mit wenigen Handgriffen ein differenziertes, geometrisches Spiel. Wie selbst ein Regalsystem die Qualitäten eines Reliefs erzielt, zeigte der italienische Möbelhersteller Kristalia, der am Rhein gleich fünf Neuheiten aus dem Hut zauberte. Das Regalsystem SheLLf der niederländischen Designerin Ka-Lai Chan kombiniert rechteckige Ablagen in unterschiedlichen Proportionen, die jeweils über eine seitliche Schräge verfügen. Zusammengesetzt bilden sie eine konvexe Wölbung, die aus der planen Wand herauszuwachsen scheint.

Einen ungewöhnlichen Möbeltypus ersann die österreichische Designerin Christel Helene Schmidt mit Covershow für Schönbuch. Halb Vitrine, halb Bilderrahmen wurde das System ursprünglich für die Inneneinrichtung eines Friseurgeschäftes entwickelt, um die Cover von Magazinen zu inszenieren. Das Prinzip ist so einfach wie raffiniert: Vor U-förmigen Rahmen aus weiß lackiertem MDF können Fronten aus farbigem, transparenten Acrylglas seitlich verschoben werden, sodass in Kombination mehrerer Boxen ein mit wenigen Handgriffen veränderliches Relief entsteht. Dieses kann wie vorgesehen mit Zeitschriften, Büchern, Postkarten oder Zeichnungen gefüllt werden. Oder es bleibt einfach leer und wartet darauf, mit jenen Lieblingsdingen bespielt zu werden, für die sich häufig nicht der passende Ort findet.

Hybride Leuchtmöbel

Auf einen fließenden Übergang zwischen Möbel und Wand setzte der Mailänder Architekt Victor Vasilev mit seinem Sekretär Mamba für MDF Italia. Wie ein Endlosband tritt dieser vertikal aus der Wand heraus und geht in eine waagerechte Schreibunterlage über, die sich nach einer zweifachen Wendung zu einem schmalen Regal verjüngt. An dessen Unterseite wurde eine Beleuchtung aus LEDs bündig integriert, sodass nicht nur Möbel und Wand miteinander verschmelzen, sondern ebenso die Technik. Wie ebenfalls der Einsatz von LEDs die oft wuchtige Erscheinung von Schränken und Regalen zu überwinden vermag, zeigen Gino Carollo und René Chyba mit ihrem System Bookless für Interlübke. Die rückseitige Beleuchtung lässt die fürs Heimkino und Musikwiedergabe ausgestatteten Module vor der Wand schweben, ohne dabei gewollt oder gar technoid zu wirken.

Auch Massivholz bleibt ein bestimmendes Thema, wenngleich es seine Schwere ebenfalls hinter sich ließ. Von beinahe stofflicher Leichtigkeit wirkt die Sitzbank Piazza Scala, die Michele De Lucchi für Riva entwarf. Das Möbel, das ursprünglich für den Umbau der Verwaltung der Bank Monte dei Paschi di Siena an der Mailänder Piazza della Scala entstand, verfügt über eine konkav gebogene Sitzfläche, die an die textile Bespannung eines Anglerhockers denken lässt und dennoch in ihrer Ausführung aus massivem Nussbaum raffiniert und sinnlich wirkt.

Präsidiale Raucherlounge

Das Sortiment der Klassiker wurde ebenfalls ausgebaut mit klarem Schwerpunkt auf die vierziger und fünfziger Jahre. So ist Artek nach mehreren Jahren Abstinenz wieder auf die Kölner Möbelmesse zurückgekehrt und präsentierte den Stuhl Domus von Ilmao Tapiovaara in mehreren Ausführungen. Entworfen wurde das stapelbare Allzweckmöbel 1946 für die Ausstattung des Studentenwohnheims Domus Academica in Helsinki und verfügt über eine sanft gebogenen Rückenlehne und Sitzfläche aus formgepresstem Birkensperrholz. Ergänzt wird der Stuhl um einen voluminösen Loungesessel, der mit seinen übergroßen Ohren zum Verweilen einlädt.

Komfortabel zeigt sich ebenso die Polster-Kollektion Élysée des 2009 verstorbenen Pierre Paulin, die Ligne Roset wieder aufleben lässt. Die organisch geschwungenen Polstermöbel – darunter ein Sofa, ein Sessel sowie ein halbmondförmiger Hocker –  wurden ursprünglich 1971 bis 1974 für die Möblierung des Raucherzimmers des Pariser Élysée-Palastes entworfen, das als zeltartiger Raum im Raum inmitten einer halbkreisförmigen Bibliothek aus der Zeit von Napoleon III. eingerichtet wurde. Mit der textilen Verkleidung des Raumes knüpfte Paulin bewusst an die Kultur der Beduinen an, um ihr im selben Atemzug die poppigen Farben der siebziger Jahre gegenüber zu stellen.

Spielerisches Sitzen


Auf die Spuren orientalischer Sitzkultur begab sich ebenso der Schweizer Designer Jörg Boner mit seinem Sofa Bahir für Cor, das wie ein übergroßes, auf dem Boden liegendes Kissen zum Versinken einlud. Ruhe in der Schwere fand das Wiener Designkollektiv EOOS mit seinem Sessel Bao für Walter Knoll, der mit einem Rücken aus Lederpatchwork an einen übergroßen Baseball erinnert und seinen Be-Sitzer mit großen, runden Armlehnen schützend umschließt. Dass das Sofa längst nicht nur in geschlossenen Räumen anzutreffen ist, sondern ebenso die Terrasse und den Garten erobert, zeigt Stefan Diez mit seiner Gartenmöbelkollektion Tropez für den spanischen Outdoor-Hersteller Gandia Blasco. Diese umfasst neben Sofas und Sesseln ebenso ein Bett, einen Liegestuhl, Tische sowie Hocker und Bänke, die der „eleganten Sprache der Segelboote und des Tennisspielens“ verpflichtet seien, so der Münchner Gestallter.

Sportlich ging ebenso der niederländische Designer Bertjan Pot ans Werk, der mit seinem Sessel Tie-Break für Richard Lampert das Netz vom Tennisplatz kurzerhand entwendete und in ein komfortables Sitzmöbel für die Terrasse oder den Garten verwandelte. Dass Bewegung auch beim Sitzen Trumpf ist, übersetzte Konstantin Grcic in seinen Stuhl Pro für Flötotto, der mit seiner flexiblen, S-förmigen Rückenlehne den Zwang zum starren, aufrechten Sitzen bewusst hinter sich lässt.

Überschneidung der Disziplinen


Zu einem Publikumsmagneten entwickelte sich derweil Das Haus von Nipa Doshi und Jonathan Levien. Auf einem 180 Quadratmeter großen Podest installierte das Londoner Designerpaar eine atmosphärischen Wohnwelt, die sie mit eigenen Entwürfen, Klassikern und Arbeiten befreundeter Designer bespielten. Der Charme der Arbeit lag vor allem in der praxisnahen Anwendung der Möbel und Objekte in realen Situationen, die mit sorgsam ausgewählten Utensilien und Fundstücken einen lebendigen Charakter erhielten und sich von der naturgemäß eher sterilen Aufmachung normaler Messestände wohltuend abhob. Besondere Aufmerksamkeit wurde dem Einsatz von Farbe gewidmet, die nicht nur an den Möbeln, sondern ebenso an den Wänden und transparenten Paneelen im Raum zum Einsatz kam.

Auch der Ort der Installation erwies sich als richtig. Wurden die Arbeiten des früheren Ideal House Projektes etwas unglücklich um die Rolltreppen in Halle 11 gruppiert oder wie zuletzt 2007 auf dem zugigen Messekorridor beim Eingang Nord untergebracht, bildete Das Haus den Mittelpunkt des Pure Village in Halle 3.2. Die angestrebte Durchmischung von Möbel-, Licht-, Bäder- und Küchenmarken fand somit eine verbindende Klammer, in die sich auch die Arbeiten der Jungdesigner im Rahmen der Ausstellung d3 contest schlüssig integrierten. Ebenso strategisch richtig war es, Hersteller wie e15, Thonet oder Création Baumann zu gewinnen, die sonst in Halle 11 zu sehen waren und damit den professionellen Anspruch des „Dorfes“ unterstrichen. 

Wohnen im Badezimmer


In der Orientierungsphase befindet sich dagegen die neu gegründete Submesse LivingInteriors in Halle 4, die ebenfalls als interdisziplinäres Messeformat auftritt. Anders als im Pure Village vollzog die Qualität der Aussteller hier mitunter erhebliche Sprünge, sodass Welten aufeinander trafen, die zunächst nicht zusammengehören. Einen Ausgleich gab die Ausstellung „Wohnen im Badezimmer“, in der Sanitärprodukte von Marken wie Axor, Duravit, Keuco, Kos oder Parador in anschaulichen Praxisbeispielen mit Möbeln, Pflanzen und Objekten verbunden wurden. Doch es blieb die Frage der Relevanz. Denn alle dort gezeigten Produkte wurden mitunter schon auf anderen Messen präsentiert, und es ist anzunehmen, dass auch der überwiegende Teil der Kölner Besucher diese bereits kannte. Der Mehrwert dieser Ausstellung lag somit vor allem in der Anwendung, deren Bezug zum Wohnthema der Messe passend schien.

Dennoch ist der Kölner Möbelmesse mit dieser Ausgabe gelungen, was keineswegs selbstverständlich war: das Comeback in die Liga der wichtigsten Designveranstaltungen. Zwar wird die Messe auch auf absehbare Zeit das Kräfteverhältnis nicht wieder umkehren können, als die imm cologne noch Mitte der neunziger Jahre die Nase vor dem salone del mobile in puncto Besucherzahlen und Relevanz der Neuheiten vorn hatte. Doch sie ist wieder zu einem selbstbewussten Gegenspieler geworden, den auch die Mailänder Möbelmesse dringend braucht. Denn wer allein im Ring steht, wird bekanntlich bald selbstgefällig und träge.

Unser Special zur imm cologne finden Sie hier.
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