imm cologne 2017: Co-Creating 4.0

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Text: Kathrin Spohr

In der DJ-Kultur ist es ein bewährtes Prinzip: Einem aktuellen populären Song wird von einem anderen Künstler etwas hinzugefügt oder weggenommen und er bringt damit etwas Neues auf den Markt. Unter Musikern heißt das Edit. Diese Art der dialogorientierten Weiterentwicklung eines bereits triumphalen Produkts kennt das Möbeldesign bisher nicht. Oder wäre es vorstellbar gewesen, dass beispielsweise Konstantin Grcic ernsthaft ein Edit eines erfolgreichen Produkts von Hella Jongerius macht, oder umgekehrt? Jetzt, zur imm cologne 2017, wurde deutlich: Vor allem der Nachwuchs, darunter das Studio New Tendency oder Stefan Diez, geht selbstbewusst und unkompliziert neue Wege. Hin zu einem vernetzten Miteinander, weg von abgrenzendem Perfektionismus und solitärem Autorendesign. Genau da steckt ein Potential für spannende Innovationen.

Möbel mit Geschichte haben nach wie vor Konjunktur. Doch Reeditionen – egal ob es die von Klassikern oder weniger bekannten Entwürfen sind, die wieder ausgegraben werden – sind keine Edits: Denn bei Reeditionen geht es um Aktualisierung, Anpassung, Optimierung. Produkte werden in neuen Materialien, Trendfarben und aktuellen Proportionen mit neuen Herstellungstechniken nachgefertigt. Damit sie in moderne Kontexte passen. Etwa aktuell bei Richard Lampert, der, unter dem Titel „Timeless Classics“, gleich zwei Entwürfe von Herbert Hirche aus den Fünfzigerjahren und einen von Architekt Paul Schneider-Esleben wieder aufleben lässt. Und auch bei Vitra ist das gerade zu sehen: Der Klassiker Panton Chair wird zum 50. Jubiläum im Frühjahr 2017 um eine limitierte Sonderedition in der Farbe Sunlight erweitert.

Design 4.0
New Tendency x Mike Meiré hingegen präsentiert einen echten, einen radikalen Edit. In der Factory von Meiré und Meiré war unter anderem die December Edition zu sehen – eine Leuchte, die ganz im Sinne des Coworking-Prinzips in kreativer Kollaboration mit Mike Meiré auf Basis des Originalentwurfs von New Tendency entstanden ist. Das Berliner Label entwickelt in der Tradition des Bauhauses Produkte, die sich durch konzeptionelle Gestaltung, klare Ästhetik, funktionale Form und regionale Produktion auszeichnen.

Drei streng geometrische Komponenten, alles existierende industrielle Standards, prägen die ikonische Form der Leuchte: Ein massiver, zylindrischer Sockel, ein Rohr sowie der ringförmige Lampenschirm. Im Original wird December vollständig aus schwarzem Aluminium gefertigt, das die Präzision der Formensprache unterstreicht. Unter der Prämisse „Brutalismus x Redefining Natural“ stellte Mike Meiré der Rationalität des Designs nun ein archaisches, emotionales Moment gegenüber und ließ den Sockel in rohem Beton gießen: „In Zeiten der Digitalisierung werden Produkte immer perfekter, immer sleeker. Auf der anderen Seite aber gibt es ein wachsendes Bedürfnis nach Textur und Taktilität,“ so Meiré. Als Hommage auf den Brutalismus und dessen Vertreter wie Le Corbusier macht die Struktur des Betons für Meiré das Prozesshafte sichtbar und durchbricht den seriellen Charakter des Produkts.

Digitalität versus Taktilität
Einen weiteren Kontrapunkt setzen Lampenschirm und Rohr, für die Mike Meiré neben Schwarz und Weiß vier neue Töne einführt: Nude, Braun, ein metallisches Grün sowie einen Lemon-Ton. Ein Farbspektrum, das Natürlichkeit suggeriert und das ursprünglich monochrom schwarze Design quasi erdet. Genau da setzt Meirés Designintervention an. „Das High-End-Produkt December-Leuchte, schon fast eine Ikone in der New Tendency Kollektion, ist ein Industriedesign aus der Gegenwart, das nun auf einem harten, brutalistischen Sockel sitzt. Im Sinne von Digitalität versus Taktilität“, sagt Meiré.

Dennoch: Es ist ein ungewöhnlicher Schritt, dass ein Hersteller ein aktuell erfolgreiches Produkt von einem namhaften Designer verändern lässt. „Das hat nichts mit Produktoptimierung zu tun. Wir gehen gerne einen Schritt weiter als die konventionelle Möbelwelt! Wir möchten mit Künstlern wie Mike Meiré eine andere Geschichte erzählen und einen anderen Blick auf das Produkt werfen“, versichert Manuel Goller von New Tendency, „Wir haben eine recht kleine Kollektion, nehmen uns viel Zeit mit der Produktentwicklung. Das ist Slow Design. So bekommen unsere Produkte etwas Ikonenhaftes. Wir spielen dann eher mit Farben, Materialien und Inszenierungen, um ganz neue Welten aufzumachen. Ohne die Kollektion aufzublähen.“

Coworking, Open Source, Netzwerkstrukturen sind Themen unserer Zeit. Meiré’s December-Leuchte sogar den Auftakt zur neuen Premium-Linie „New Tendency Black Label“. Dennoch ist das kooperative Projekt New Tendency x Mike Meiré ein mutiger Schritt des Berliner Labels. Das sieht auch Mike Meiré: „Kollaboration wird nur dann gut, wenn sie auf Augenhöhe stattfindet. Dass ich die December-Leuchte überarbeite, hat mit Respekt zu tun. Es ist ein Ausloten: Wie weit kann man die Leuchte nach meiner Intervention noch als December-Leuchte erkennen?“ Die Frage also ist: Wieviel Veränderung hält ein Produkt aus? „Es ist wie eine Operation am offenen Herzen. Wir haben das Prägnante der Kollektion durch neue Farben und andere Materialität aufgelöst“, so Meiré.

Die Handschrift eines Designers oder – wie man in Italien gerne sagt – Maestros ist heilig. Sie ist im Entwurf spürbar, verleiht dem fertigen Produkt seinen besonderen Charakter. Jetzt könnte man ergänzen: Dass Handschriften verschiedener Gestalter in einem einzigen Entwurf gekonnt gesampelt werden, macht ein Produkt mindestens genauso unverwechselbar.

Das Museum – perfekter Kontext für Produktentwicklung
Bei der Ausstellung Full House: Design by Stefan Diez, die zur imm cologne im Museum für Angewandte Kunst Köln (kurz: Makk) eröffnet wurde, geht es um mehr als eine Werkschau. Auch hier kommt ein Edit zum Tragen. Stefan Diez hat die beteiligten Sponsoren Hay und Buschfeld zusammengebracht und hier quasi im Prozess der Ausstellungsarchitektur ein neues Produkt entwickelt, das nur an diesem Standort, zu diesem Zeitpunkt, nämlich im Rahmen der Möbelmesse im Makk möglich war: Ein Experiment, wie Stefan Diez sagt.

Das Möbelsystem New Order von Hay, das in der Ausstellung zum raumbildenden Element wird, hat ein Feature bekommen: eine nahezu unscheinbare, elegant integrierte Beleuchtung von der Lichtmanufaktur Buschfeld. Die Produktsymbiose kommt so selbstverständlich daher, als wäre sie von Anfang an so gedacht worden. Dabei ist es purer Zufall, wie Diez betont, dass dies überhaupt möglich war: „In der Regel kann man nicht einfach einen Fachboden aufschneiden und da etwas einbauen. Aber dadurch, dass wir einen Fachboden haben, der aus einem einzigen Stück Extrusionsprofil hergestellt ist und konstruktionsbedingt eine Kammer beinhaltet, die genau die gleiche Breite hat wie die Buschfeld-Lichtschiene, ist das möglich. Es ist dieses Quäntchen Glück, das man manchmal verdammt noch mal braucht!“

Full House: Design by Stefan Diez, Ausstellung im Makk Köln, Foto: Gerhard Kellermann
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Mit einer guten Idee kann man sich große Spielräume erarbeiten. In einer Zeit, in der sich die Dinge sehr stark verändern, scheint es so also bräuchten wir Produkte, die noch nicht so stark festgelegt, sondern erweiterbar sind. Stephan Blass, Geschäftsführer von Buschfeld, bestätigt: „Wir können hier mit Full House: Design by Stefan Diez etwas Entscheidendes demonstrieren: Die Einsatzmöglichkeiten unseres Baukastensystems und der dazugehörenden Leuchten sind sehr facettenreich. Es hängt von der Kreativität der Architekten und Designer ab, was daraus gemacht wird.“ – Das ist doch ein klarer Aufruf, einen Edit zu machen! In den Worten von Stefan Diez: „Es geht darum, gute Leute zusammenzubringen, gepaart mit einer guten Idee und einem gewissen Budget. Daraus kann man etwas Tolles machen. Daher ist es extrem wichtig, Partner zu haben, bei denen Interessen gleich gelagert sind. Dabei steht kein Projekt für sich allein. Jedes Projekt befruchtet wieder das nächste!“

Diversität kultivieren
Wie cool vernetzte Kreation ist, zeigte auch das junge Label Ames, das mit Sebastian Herkner und traditionellen Handwerksbetrieben in Kolumbien Accessoires, Textilien und Möbel in Manufakturqualität kreiert. Ames nennt diese Zusammenarbeit „Culture Of Diversity“. Und selbst das Traditionsunternehmen COR kommuniziert aktuell das Prinzip Kooperation: Als Coworking bezeichnet der Hersteller den Trend, das Möbel immer häufiger nach individuellen Wünschen maßgefertigt werden. Denn der Kunde kauft selten ein COR-Produkt genauso wie er es im Laden vorfindet. Es dient der Inspiration, um dann auszusuchen, welche Materialien, Farben es am Ende haben wird. Eine Klaviatur an modularen Elementen und moderne, digitale Herstellungsmethoden ermöglichen dies.

„Viele Marken wollen heute das Erreichte kultivieren, konservieren. Darin sehe ich jedoch die Gefahr, dass diese Marken alt werden. Ob man es will oder nicht: Man schafft dadurch Mauern. Was mich interessiert, ist porös, offen zu bleiben“, sagt Mike Meiré.

Mit dieser Leichtigkeit tanzt das Design in die Ära der Edits!

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